Das Wesen der Angst  

 

In welcher Beziehung steht sie zu Abhängigkeit und Unsicherheit? In welcher Beziehung steht sie zur Situation in der Angst entsteht? In welcher Beziehung steht sie zum Bewusstsein, das Angst wahrnimmt, in Angst handelt und auf Angst reagiert?

 

Die Bedeutung der Fragestellung

  Wenn wir dieses Thema untersuchen wollen, so müssen wir uns zuerst einmal die Frage stellen. Was ist Angst? Versteht man überhaupt, was Angst ist? Oder kennt man sie nur? Man hat sie in verschiedenen Situationen erlebt. Man kennt das Gefühl der Angst. Man kennt, was die Angst in einem bewirkt. Man hat ihre lähmende Wirkung erfahren. Man hat eingesehen, dass ein durch Angst bewirktes Handeln unvollständig ist, dass es unordentlich, chaotisch, ist. Man hat erfahren, dass man in Angst auf eine Situation nicht angemessen reagieren kann. Man weiß, dass die Angst die Wahrnehmung beeinträchtigt.

Versteht man die Angst, wenn man sie aus den jeweiligen Situationen erklären kann, in denen sie auftritt? Was bedeutet es, wenn man die Angst als zwangsläufige Reaktion auf die Gefahr und die Funktion der Angst als notwendiges Stimulans für die Suche nach Schutz begreift? Beinhaltet die Erklärung der Angst nicht immer wieder die nachträgliche Rechtfertigung der Auswirkungen der Angst? Versteht man die Bedeutung der Reaktion auf Angst? Hat man also mit der Erfahrung der Angst ein Verstehen der Angst und alledem was sie beinhaltet und bedeutet.

 Man hat vielleicht eingesehen, wie wichtig es ist, zu klären, ob man in Angst handelt oder frei von Angst handelt. Man sieht vielleicht, dass der Mensch ohne Angst sein muss, wenn er überhaupt zu einem angemessenen Handeln kommen möchte. Nur, wie soll das möglich sein? Man sieht, dass die Angst lähmt. Was geschieht nun? Ist man nun versucht einen Anspruch an sich zu haben, ohne Angst zu sein?  Ist man nun versucht, eine Atmosphäre zu schaffen, von der man glaubt, dass Angst darin nicht auftreten kann? Ist man versucht, an Andere, die Umwelt, die Gesellschaft Anforderungen zu stellen, deren Erfüllung Angst verhindern soll? Man stellt diese Fragen und man sieht, dass das überall getan wird. Und man sieht auch, dass all dieses Tun an der Tatsache der Angst bisher nichts geändert hat. Und wenn wir uns das Gemeinsame dieses Tuns anschauen, dann sehen wir, dass in all diesem Tun, die Angst als etwas der Handlung äußerlichem, fremdem betrachtet wird, auf das einzuwirken, das abzudrängen, zu verhindern, zu eliminieren, anzunehmen, die loszulassen oder mit der umzugehen ist.

Die Angst wird gewöhnlich als etwas verstanden, das von vornherein in der menschlichen Psyche angelegt ist, etwa als zwangsläufige Reaktion auf eine Gefahr. Die Frage nach der Ursache der Angst ist dann eine Frage nach Ereignissen, Umständen und Situationen, als der Initialzündung, die diese Anlage als etwas Funktionelles unmittelbar wirksam werden lässt. Da in diesem Verständnis der Gegenstand der Betrachtung nicht mehr die Angst selber ist, da diese als a-priorische Anlage außer Frage steht,  geht es dann nur noch darum, Möglichkeiten zu suchen, auf Ereignisse, Situationen und Umstände einzuwirken, bzw. den sich Ängstigenden zu befähigen, mit seiner Angst umzugehen. Und es wird in all diesem Tun nicht untersucht, in welcher Beziehung die damit die in bezug auf die Angst unternommen Aktivitäten, das Suchen nach Ursachen, das Suchen nach Erklärungen, das Wirken auf äußere Umstände und Situationen, das Befähigen des sich Ängstigenden selbst wieder zur Tatsache der Angst stehen. 

Also bleiben wir bei der Frage: Was ist Angst? Es zeigt sich, dass wir versucht sind, Angst in Abhängigkeit mit Situationen zu sehen, einer Gefahr, in der sie auftritt. Es droht der Verlust eines Arbeitsplatzes. Es droht ein Unwetter. Es droht eine Klimakatastrophe. Es droht dem Schüler eine schlechte Note, wenn er faul ist. Es droht dem Ehemann, dass die Ehefrau ihn verlässt. Es könnte geschehen, dass man sich bei einer Tätigkeit, dem Sport, der Arbeit, verletzt.  Das Kind ist aus dem Haus gegangen und  nicht rechtzeitig wieder zurückgekehrt. Es droht, dass ihm etwas passiert ist. Wir sehen, in solchen Situation begegnet uns Angst. Wir kennen das, man hat es schon erlebt. Versteht man aber nun, was Angst ist, wenn man sie in der Abhängigkeit von Situationen sieht, in denen Angst zwangsläufig auftritt? Wenn man nach Situationen unterscheidet, in denen Angst als etwas Selbstverständliches genommen und Situationen, in denen man keine Angst haben sollte und für die man sich dann etwa einredet: ‚Da brauchst Du aber wirklich keine Angst zu haben’? Was geschieht mit diesem Unterscheiden? Nach subjektiven, persönlichen Erfahrungen macht man Unterschied, wann Angst verständlich ist hat und wann Angst nicht verständlich ist. Die Verständlichkeit der Angst, wird von der jeweiligen Situation abhängig gemacht. Angst in solcherweise verständlichen Situationen, in denen man die Ursache zu kennen scheint wird selbstverständlich hingenommen.  Das bedeutet aber, dass es weiterhin bei Auftreten vergleichbarer Situationen einem verständlich erscheint, wenn Angst auftritt. Andererseits: Wird die Verständlichkeit nicht eingesehen, dann muss man sich in diesen Situationen gegen die Angst wappnen. Und dieses Wappnen läuft dann stets darauf hinaus, dass man sich etwas einredet, dass man die Angst nicht zu haben bräuchte. Und man fordert von sich etwas, was man das Gegenteil der Angst nennt, etwa Mut oder Vertrauen. Versteht man aber etwas über die Angst, wenn man ihr Mut oder Vertrauen entgegensetzt? Versteht man etwas über die Angst, wenn man sie aus einem Mangel an Mut oder Vertrauen erklärt?

Die Frage ist: Was ist Angst? Wie wollen wir nun diese Frage beantworten? Wir stellen in Frage, einen Anspruch der Angstfreiheit zu postulieren. Wir stellen in Frage, Anforderungen an andere, die Umwelt, die Gesellschaft zu stellen. Wir haben gesehen, dass wir die Angst nicht verstehen, wenn wir die Angst als etwas Äußerliches, Angelegtes betrachten, mit dem man auf irgendeine Weise umgehen habe. Wir haben gesehen, dass wir die Angst nicht verstehen können, wenn sie uns für Situationen, in denen wir sie erlebten, verständlich erscheint. Wir verstehen Angst nicht, wenn die subjektiv, persönliche Erfahrung der Angst zum Maßstab des Umgangs mit der Angst gemacht wird. Was haben wir aber damit gewonnen? Wir haben die Beziehung des Betrachters der Angst zur Angst in Frage gestellt und sehen damit, wie wichtig es ist, die formelle Beziehung des Betrachters der Angst zur Angst, des sich Ängstigenden zu seiner Angst, zu klären.

Wie ist nun diese Beziehung des Betrachters der Angst zur Angst? Da ist der Betrachter. Und er sieht Angst. Er sieht die Angst als etwas, was ihn überkommt.  Dieses Überkommen der Angst geschieht erfahrungsmäßig in bestimmten Situation. Der Betrachter sieht, dass sein Handeln, dann wenn ihn die Angst überkommt, unangemessen ist. Er spürt das lähmende und einengende Gefühl der Angst. Er versucht nun um sich Luft zu verschaffen, auf die Angst einzuwirken, um zu einem Handeln zu kommen, zu dem er stehen kann. Darin zeigt sich eine doppelte Abhängigkeit. Einerseits sieht sich der Betrachter von seinem psychischen Zustand abhängig. Er weiß: hat er Angst, dann ist sein Handeln unangemessen. Er spürt die lähmende Wirkung der Angst. Andererseits sieht der Betrachter seinen psychischen Zustand von den Situationen abhängig, in denen er handeln muss. In dem Moment, in dem der Betrachter festlegt, in welchen Situationen Angst auftritt und in welchen nicht sollte, und daran festhält, hat er ein Prinzip an der Hand, sein Handeln zu erklären und zu begründen. Er braucht die Angst nicht mehr zu verstehen, weil ihm dies Prinzip als autoritativer Bezug dient, auf die er sein Handeln stets zurückführen kann.  

Der Betrachter der Angst, seine Beziehung zur Angst und seine Abhängigkeiten sowohl in den Lebenssituationen als auch zu seinem psychischen Zustand stehen zur Frage. Das müssen wir untersuchen. Untersuchen wir also die Frage objektiv und unpersönlich.

 

Existenzielle Abhängigkeit und Unsicherheit

  Der Betrachter steht in verschiedenen Abhängigkeiten. Diese Abhängigkeiten machen seine Beziehung aus. Es gibt die Abhängigkeit vom Arbeitsplatz, von der Sonne, der Luft, der Atmosphäre der Nahrung, dem Geld, dem Geldwert, der Frau, den Kindern, dem Auto, dem Haus, der Bank, dem Nachbarn, dem Wasser in der Leitung, dem Strom, den Energiequellen, der Kleidung, den Tieren usw.. Der Betrachter ist von allem, was ihn umgibt, und mit dem er zu tun hat, abhängig. Alles was er tut, steht in einem Zusammenhang mit allem, was ihn umgibt. Alles, wovon er abhängig ist, braucht er, um Leben zu können. Er braucht es um seinen Geschäften, Interessen, seinen Neigungen nachgehen zu können. Und ohne all das, hätte er seine Neigungen nicht. Gäbe es kein Wasser, dann gäbe es kein Brauchen von Wasser und kein Bedürfnis sich mit Wasser zu waschen oder ins Wasser zu gehen und zu schwimmen. Gäbe es kein Geld, dann gäbe es kein Brauchen von Geld und kein Bedürfnis, dies zu erwerben und Fähigkeiten für den Erwerb von Geld zu erwerben. Der Betrachter ist also vielschichtig abhängig von alledem, was ihn umgibt.. Das was er ist, ist er durch den Zusammenhang der Dinge. Das bedeutet, um zu existieren, als das was er ist, ist er abhängig. Diese Abhängigkeit ist absolut.

Was bedeutet das? Er kann dieser Abhängigkeit nicht entrinnen.  Er kann sich nicht isolieren. Er ist das ganze Geflecht dieser Abhängigkeiten und ist, das was er ist, nur durch das Geflecht dieser Abhängigkeiten. Der Zusammenhang der Dinge ist aber fließend. Nichts ist von Dauer. Alles ist im Fluss. Und damit besteht gegenüber allem, was der Betrachter braucht, Unsicherheit darüber, ob er es auch bekommt, ob er darüber verfügen kann. Alles wovon der Betrachter abhängig ist, ist im Fluss und das impliziert die Möglichkeit des Bekommens, Behaltens, Verfügens, Abhandenkommens und des Verlierens. Das ist die eine Seite der Unsicherheit. Da er aber nun auch nur durch den Fluss der Dinge ist, als das was er ist, besteht Unsicherheit hinsichtlich dessen was er ist und sein kann, besteht weiterhin Unsicherheit in Bezug auf Entstehen oder Vergehen.

Die Unsicherheit birgt die Gefahr. Geht das Wasser aus, verdurstet man. Und das Wasser geht schon aus, wenn man es trinkt. Geht das Licht aus, steht man im Dunkeln und kann nichts mehr tun. Geht die Nahrung aus, verhungert man. Und sie geht aus, indem man sie verzehrt. Geht die Kleidung aus, ist man nicht mehr vor Regen, Kälte und Wind geschützt. Was man nutzt, nutzt sich  ab. Geht die Luft aus, erstickt man. Geht das Geld aus, dann kann man sich nichts mehr kaufen. Verliert man Wissen, dann kann man nicht mehr antworten. Geht das Benzin aus, dann kann man nicht mehr Auto fahren. Geht das Salatöl aus, dann schmeckt einem der Salat nicht mehr. Alles das, wovon man abhängig ist, impliziert schon von vornherein den Verlust. Alles kann man verlieren, die Ehefrau, den Ehemann, die Kinder, das Haus, das Auto, das Bankkonto, das schöne Wetter, das Auto, den Arbeitsplatz, den Kunden, das Geld, die Gesundheit, den Garten, den Wald, den Schatten des Baumes, die frische Luft. 

Also muss man sich darum sorgen, dass man das, was man braucht, auch hat, darum, dass es einem auch weiterhin zur Verfügung steht. Wir können nicht existieren ohne die Dinge, die wir zum Existieren brauchen. Also müssen wir etwas unternehmen, etwas tun, etwas entwickeln, um uns all diese Dinge zu sichern. Im Winter finden wir draußen keine Nahrung vor. Also müssen wir für den Winter vorsorgen, die Nahrung, die Sommer und Herbst liefern so lagern und haltbar machen, dass sie nicht verdirbt.  Wir müssen uns all das sichern, was wir zur Existenz brauchen. Sonst können wir nicht leben. Das ist eine Tatsache.

Wir sehen also unsere Abhängigkeit. Wir sehen die Unsicherheit.  Wir sehen die Gefahr des Verlierens, was Verletzung, Verdursten, Verhungern, Erfrieren, Krankheit etc. bedeutet. Und wir sehen die Notwendigkeit der Sicherung all der Dinge, die wir brauchen, da wir sonst nicht leben können. Darum hat sich unser Handeln zu kümmern. Daran kommt man nicht vorbei. Darum braucht man Ökonomie und Technik. Und in diesem Sinne spreche ich von existenzieller Abhängigkeit.  

Psychologische Abhängigkeit und Sicherheit

  In der Sicherung dessen, was wir bedürfen, setzt das Erwerben an. Da ist der Erwerb von Wis­sen, von Kenntnissen und Erfahrungen, der Erwerb von Fertigkeiten, Techniken und Methoden. Das Erworbene impliziert die Fähigkeit den der Dinge derart zu beeinflussen, dass das, was wir zum Leben bedürfen, gesichert wird. Also denkt man in Zusammenhängen von Ursa­che und Wirkung. In Mittel-Zweck-Relationen fragt man nach Funktionalität. Die Funktionalität verlangt nach Mechanismen der Sicherung ihrer Dauerhaftigkeit und damit nach  Konstruktion. Mit der Konstruktion entstehen Struktur und System. Struktur und System sind statische Gebilde von Interessenkonstellationen und damit hat entsteht Konflikt zum dynamischen Prozess der Bewe­gung. Der Ausgleich im Konflikt fordert den Konsens und die Anpassung der Konstruktion. Das Ergebnis von alle dem ist Steuerung. Das, was steuert ist die berechnende Tätigkeit des Verstandes. Und es entsteht damit eine weitere Abhängigkeit. Ich nenne sie die psychologische Abhängigkeit.

Es gilt daher, zwischen existenzieller und psychologischer Abhängigkeit zu unterscheiden. Betrachten wir das zuerst einmal formal. Wir haben gesehen, da ist unsere existenzielle Abhängig­keit von allen Dingen, die uns umgeben. Zum Existieren brauchen wir all diese Dinge und wir existieren als das, was wir sind, durch diese Dinge. Damit ich nicht verhungere brauche ich Nah­rung und ich bin aus dem, was ich zu mir nehme zusammengesetzt. Ich bin das Geflecht all dessen, was ich zu mir genommen habe und nehme. Ich bin  ‚das Ensemble’ des Geflechts der Abhängig­keiten, in denen ich existiere und durch die ich nur existieren kann. Aber all das, was ich brauche ist unsicher. Es kann verloren gehen. Still ich meinen Hunger, dann verzehre ich Nahrungsmittel, das ist mein Essen, und die Mittel sind weg, verzehrt. Komme ich nach dem Schwimmen im See ans Ufer zurück, dann kann es mir geschehen, dass Kleidung und meine sonstigen Sachen weg sind. Und ich kann nicht existieren, wenn mir die Dinge, die zur Existenz nötig nicht sicher sind. Bleibt die Nahrung nach dem Verzehr weg, dann muss ich verhungern. Bleibt mir die Kleidung, das Handtuch zum Abtrocknen, nach dem Schwimmen weg, dann werde ich frieren, schlimmsten­falls erfrieren. Wir sind abhängig, und das wovon wir abhängig sind, muss uns sicher sein, sonst können wir nicht leben. 

Das Sehen dieser Tatsache bedeutet die Freiheit von allen Bestrebungen, unabhängig sein zu wollen. Freiheit ist nicht Unabhängigkeit. Alle Versuche, Freiheit als Unabhängigkeit zu definie­ren, sind daher zwangsläufig isolierende, egozentrische Aktivitäten.  Wir sind abhängig und das, wovon wir abhängig sind, muss uns sicher sein. Das ist eine Tatsache. Die andere Tatsache ist, dass es unsicher ist. Wir müssen uns darum kümmern, dass es uns sicher wird. Das ist eine weitere Tat­sache. In diesem Kümmern erwerben wir Fähigkeiten diese Dinge zu sichern. Damit entsteht als weitere Abhängigkeit, die Abhängigkeit zu diesen Fähigkeiten. Wenn wir essen wollen, müssen wir kochen können. Wenn wir Kleidung tragen wollen, müssen wir Kleidung anfertigen können. Da all diese Dinge dem Verschleiß und dem Untergang unterliegen, müssen wir unsere Fähigkeiten stän­dig gebrauchen, müssen wir sie erwerben, erhalten, entwickeln und sichern. Wir entwickeln psychi­sche Fähigkeiten um uns das, was uns naturgemäß unsicher ist, zu sichern. Wir sind daher abhängig von Nahrung, Kleidung, Wohnung etc. und abhängig von  psychischen Fähigkeiten. 

Unsicher sind uns alle Dinge, von denen wir existentiell abhängig sind.  Besteht nun auch Un­sicherheit bezüglich der Fähigkeiten, den psychologischen Steuerungsmechanismen, den konstruk­tiven Elementen der psychologischen Abhängigkeit? Um existieren zu können, muss das, wo­von man abhängig ist, sicher sein. Die Abhängigkeit von psychologischen Steuerungsmecha­nismen impliziert, dass die Wirksamkeit dieser Mechanismen sicher sein muss. Und das bedeutet, dass wir es mit einer doppelten Abhängigkeit zu tun haben. Diese zweite Form der Abhängigkeit, die Ab­hängigkeit von den psychologischen Steuerungsmechanismen, nenne ich  psychologische Abhän­gigkeit. Und es stellt sich damit die Frage, was diese Art der Abhängigkeit bedeutet, welche Rück­wirkungen sie hat. Auf welche Weise beeinflusst diese Abhängigkeit die Wahrnehmung und unsere Beziehung zu den Dingen, die wir wahrnehmen?

Die Sicherung der Dinge, von denen wir abhängig sind, vollzieht sich in der Aktivität des Erworbenen und erweist sich in dessen Funktionalität.  

Indem ich meine Fähigkeit anwende, in dieser Fähigkeit tätig bin, sichere ich mir etwas, von dem ich existen­ziell abhängig bin. Aus der existenziellen Abhängigkeit ist somit eine sekundäre Abhängigkeit erwachsen, die Abhängigkeit von Fähigkeiten, Wissen und Eigenschaften. In diesem Sinne spreche ich von psychologischer Abhängigkeit.

Es gilt daher nun zu untersuchen, welche Rückwirkung diese Abhängigkeit auf den gesamten psychischen Apparat hat.

 

 

Verstand und Konditionierung,  Widerstand und Spaltung

(reflexive Konditionierung)

  Die psychologische Abhängigkeit erwächst aus der existenziellen Unsicherheit. Unsicher sind die Dinge, die man zum Leben braucht, weil sie untergehen können. Konstruktion und Steuerung erhalten ihre Bedeutung als Moment der Abwehr. Untersuchen wir das näher situativ.

Ich habe Hunger, brauche etwas zu essen. Ich sehe dort Nahrungs­mittel, aber diese werden mir verwehrt. Ich habe kein Geld diese zu kaufen. Ich schwimme ans Ufer zurück und  sehe, meine Kleider, meine ganzen Sachen mit all meinem Geld sind weg. Ein kleines Kind muss lernen. Es muss die Welt um sich erkunden, denn es ist von all die­sen Dingen abhängig. Es muss sie in die Hand nehmen. Nähert es sich der Stereoanlage, dann wird es weggezogen. Da sind die Dinge, die ich brauche, um zu leben und nur durch diese Dinge bin ich das, was ich bin. Ich brauche sie um zu existieren, das was ich bin, bin ich durch das, was ich brau­che. Und plötzlich bin ich davon ge­trennt, losgerissen, geschieden. Es geht unter. Es wird mir ver­wehrt. Es ist mir nicht zugänglich. Dass etwas, was einem wichtig ist, verloren geht, dass es einem verwehrt wird oder dass es für einen unzugänglich ist, sind Basiserfahrungen, die gewiss jeder kennt.

Was geschieht hinsichtlich dieser Basiserfahrungen? Es regt sich ein Widerstand. Was unter­geht wird versucht festzuhalten. Zu dem Unzugänglichen werden Türen gesucht. Gegen das Ver­wehren wird angekämpft.

Das, was untergeht, kann nicht festgehalten werden. Was aber festgehalten werden kann ist die Vorstellung, das Bild, das ich von der untergehenden Sache habe. Wenn ich von etwas getrennt, losgerissen und geschieden bin, dann bin ich das. Wovon ich jedoch nicht getrennt, losgerissen, geschieden bin, ist die Vorstellung von der Sache. Die Dinge mögen entstehen oder vergehen. Sie mögen in ständigem Fluss sein. Im Bild, in der Vorstellung, sind sie festgehalten. Und dieses Fest­halten vollzieht sich im Gedächtnis.

Widerstand ist Festhalten im Gedächtnis. Im Gedächtnis festhalten ist verinnerlichen. In Be­ziehung stehen zu dem im Gedächtnis Festgehaltenen ist sich erinnern. Sich erinnern bedeutet, in Beziehung stehen zu etwas, das im Gedächtnis festgehalten ist, zu einer Sache, die einmal gewesen ist, aber nicht mehr ist. In der Erinnerung steht man in Beziehung zum Vergangenen, der Vergan­genheit.

Somit entsteht Spaltung in der Beziehung. Da sind die Dinge, die Welt, zu der ich existentiell in Beziehung stehe, von denen ich existenziell abhängig sind. Die Welt ist in ständigem Fluss. Sie ist unsicher und gefährlich. Und da ist das Bild, die Vorstellung, von den Dingen, die festgehaltene Welt. Beides ist nun da, wird nun wahrgenommen. Die wirkliche Welt in ihrem Fluss und die Viel­zahl der Bilder und Vorstellungen, die aus der Vergangenheit gewonnen sind.

Und die Frage, die es nun zu untersuchen gilt, ist: Welche Wirkung hat die Spaltung im Wahr­nehmen auf die Wahrnehmung?

Ich habe ein Feuer gemacht. Das Feuer hat mich gewärmt. Jetzt ist das Holz aufgebraucht. Das Feuer beginnt zu erlischen. Ich fange an zu frieren. Was geschieht? In der Erinnerung des Warmha­bens regt sich Widerstand gegen das Frieren. Die Erinnerung sagt: Als das Feuer war, hast du nicht gefroren. Damit wird die Vorstellung von ‚Feuer’ mit der Vorstellung von ‚nicht Frieren’ in Bezie­hung gesetzt. Und in dieser Beziehung ist ‚Nicht frieren’ gebunden an ‚Feuer’. Aber das Feuer ist am Erlöschen. Die Erinnerung sagt nun: Als du noch ‚Holz’ auflegen konntest, brannte das ‚Feuer’ munter weiter. Damit wird die Vorstellung von ‚Feuer’ mit der Vorstellung von ‚Holz’ in Bezie­hung gebracht. Und der Widerstand gegen das Erlöschen des Feuers äußert sich in der Nachfrage nach ‚Holz’. Aber das Holz ist aufgebraucht. Es ist keines mehr da, womit man das Feuer weiter nähren könnte. Die Erinnerung sagt: Das ‚Holz’, das eben verbrannt wurde, welches das Feuer nährte, fand ich am ‚Ufer des Flusses’, welches nun in der Erinnerung erscheint. Und damit stellt sich die Frage nach dem Herbeischaffen des ‚Holzes’ hier an diesen Ort, da wo ich mich aufhalte und zu frieren beginne.

Schauen wir uns das an. Die Erinnerung greift auf unterschiedliche, voneinander getrennte, diskrete Zeitpunkte zurück. Da ist der Zeitpunkt, wo man am Feuer sitzt und sich wärmt. Da ist der Zeitpunkt, wo man am Fluss war und dort Holz sah. Da ist der Zeitpunkt, wo man vom Fluss das Holz herbeischaffte. Aber das zu verschiedenen Zeiträumen Gewesene wird nun in einem Bild, zu einem Vorstellungszusammenhang zusammengesetzt, der sich aus den Momenten: Frieren, Nicht Frieren = Warmhaben, Feuer, Holz und Ufer des Flusses, Fortbewegung etc. zusammensetzt. Und in diesem Vorstellungszusammenhang stehen in Beziehung Empfindungszustände, (Frieren und Warmhaben), mit Gegenständen (Holz, Feuer, Ufer des Flusses) zu notwendigen Aktivitäten, die der Mensch in Bezug auf seine Empfindungszustände verrichten muss (Herbeischaffen und Aufle­gen von Holz etc.). Aus der Welt im Fluss gerinnt ein Vorstellungszusammenhang über die Bezie­hung von Empfindungszuständen zu daran gebunden Gegenständen und damit verbundenen Tätig­keiten. Die dynamische Welt wird damit in einen Vorstellungszusammenhang projiziert, in dem die Momente der dynamischen Welt zu Momenten eines mechanischen Systemzusammenhangs gerin­nen. Und in diesem Systemzusammenhang erhält nun jedes dieser aus der dynamischen Welt proji­zierte Moment eine Funktion. Die geistige Tätigkeit, die dies vollbringt, nennen wir den Verstand.

Das Feuer wird nun nicht mehr als Feuer betrachtet, sondern in seiner Funktion zu wärmen. Das Holz wird nicht mehr als Holz betrachtet, sondern in seiner Funktion, als Nahrung für Feuer zu dienen. Der Fluss wird nicht mehr als Fluss betrachtet, sondern in seiner Funktion, Schwemmholz bereitzuhalten. Und so entsteht ein festgefügtes Bild von der Wirklichkeit in dem Empfindungszu­stände, Gegenstände und Aktivitäten aufeinander bezogen sind.     

Und wir sind von diesem Vorstellungszusammenhang abhängig. Wird vergessen, dass das Feuer mit Holz weiter genährt werden kann, dann wird es erlöschen. Wird vergessen, woher man Holz herbeischaffen kann, dann muss man vielleicht lange danach suchen müssen in der Ungewiss­heit, welches zu finden. Man wird frieren, schlimmstenfalls erfrieren. Wird vergessen, dass man essen muss, wenn man hungert, dann wird man verhungern. Wird vergessen, dass man trinken muss, wenn einem dürstet, dann wird man verdursten.

Aber was geschieht nun? In diesem Vorstellungszusammenhang erscheinen die festgehaltenen Momente der Welt in einem festgefügten Zusammenhang. Innerhalb dieses Zusammenhangs er­scheinen sie sicher. Solange ich Holz habe ist mir das Feuer gesichert. Solange am Fluss Holz he­rumliegt, ist mir das Holz für das Feuer gesichert. Solange ich Feuer habe, ist mir das Warmhaben gesichert.

In diesem Vorstellungszusammenhang ist nun die Welt in funktionale Momente zerlegt. Man nennt die so gefasste Welt die Realität. Diese funktionalen Momente, deren Zusammenfassung die Welt des Betrachters ist, das Bild der Welt, die Realität, erhalten nun Bedeutung dadurch, dass sie in einer funktionalen Beziehung zum Empfindungszustand des Betrachters stehen. Die Welt, das was wir wahrnehmen, wird nun wahrgenommen in der funktionalen Beziehung zum Empfindungs­zustand und den damit zusammenhängenden Aktivitäten. Das was wir sehen, wird nicht mehr ge­sehen als das, was es ist. Es wird gesehen aus der funktionalen Beziehung zu Empfindungszustän­den. Wahrnehmung wird zu Reiz, die Welt zum Reizenden. Wahrgenommen wird das Reizende, die Welt, nach den Bestimmungen des Vorstellungszusammenhangs, der die Verallgemeinerung vergangener Erfahrungen ist. Und dieser Vorstellungszusammenhang enthält eine Erwartung in Bezug auf den Empfindungszustand des Betrachters.  Die Abfolge von Erwartung und Reaktion (damit zusammenhängende Aktivität) auf diese Erwartung ist im Verhalten aus diesem Vorstel­lungszusammenhang heraus eine beschlossene Sache. Die Reaktion aus diesem Vorstellungszu­sammenhang heraus verspricht Sicherheit. Dem Inhalte nach ist sie Bewertung.      

Die Automatisierung des Vorganges der Wahrnehmung, indem die Welt nach dem Vorstellungszu­sammenhang, der sich aus der vergangenen Erfahrung zusammensetzt, betrachtet wird, und in dem daher das Wahrgenommene in der Form des Reizes erscheint, dem unmittelbar eine Sicherheit ver­sprechend Reaktion, die Bewertung, erfolgt, nenne ich ‚reflexive Konditionierung’. (Diese Form der Konditionierung ist auch unter dem Begriff der ‚klassischen’ oder auch ‚Pawlowschen’ Kondi­tionierung bekannt). Die Wahrnehmung der Welt nach dem Vorstellungszusammenhang der Ver­gangenheit ist das Wesen der Spaltung in der Beziehung. Die Tatsache der Spaltung zeigt sich im Reiz. In dem Moment aber, von wo an, die Reaktion auf den Reiz automatisiert ist, oder wird, wird die Tatsache der Spaltung übersehen, da die geistige Bewegung sich dann nur noch mit der Ab­stimmung der automatisierten Reaktion, der Bewertung, und dem damit in Beziehung stehenden Empfindungszustand befasst. Dieser Abstimmungsvorgang bedingt die Stimmung des Betrachters. Er nimmt daher nur noch die Empfindungen war, die er aus diesem Abstimmungsvorgang heraus hat. Was er nun nicht mehr wahr nimmt, ist die primäre Spaltung, aus der heraus dieser Abstim­mungsvorgang erst in Gang gesetzt wurde. 

 

 

Störung und Konflikt

(projektive Konditionierung)

  Der Abstimmungsvorgang steht in Beziehung zum Vorstellungszusammenhang. Und aus dieser Beziehung heraus und in der Stimmung handelt der Mensch jetzt. Da ist ein Mensch. Er hat sich den Vorstellungszusammenhang von ‚Warmhaben-Frieren-Feuer-Holz-Schwemmholz-Fluss-Her­beischaffen-Auflegen von Feuerholz’ erarbeitet. Nun macht er an einem schönen Tag einen Spa­ziergang. Dabei kommt er am Fluss vorbei. Was geschieht? Wird er den Fluss als ganzes betrach­ten? Oder wird er danach suchen, ob ihm etwas auffällig wird? Wird er es bemerken, wenn noch Holz herumliegt oder keines? Und wenn er es bemerkt, wie wird er aus diesem Bemerken reagie­ren? Es ist doch so: Hat sich der Vorstellungszusammenhang im Gehirn erst einmal festgesetzt, so wird dieser Vorstellungszusammenhang nun wirksam in dem Moment, in dem der Mensch etwas begegnet, das in diesen Vorstellungszusammenhang passt. Da ist der Fluss und schon entsteht die Frage danach, ob noch Holz da ist. Man kann sich dem nicht entziehen. Diese Frage entsteht un­willkürlich. Unwillkürlich heißt, man kann sie nicht willentlich verhindern und sie entsteht nicht gewollt.  Mit der Frage zeigt sich die Tatsache der Spaltung. Der Mensch aber, der sich dieser Tat­sache nicht bewusst ist, was wird er erleben, wenn er diese Frage stellt und sich nach seinem Vor­stellungszusammenhang verhält. Er kann feststellen, dass Holz noch ausreichend vorhanden ist. In diesem Falle stimmt er in der Reaktion das ‚Warmhaben’ mit seinem Empfindungszustand ab. Die Sicherheit des ‚Warmhabens’ in der Zukunft erzeugt in ihm ein erwärmendes Gefühl für den Fluss und die Welt und er sagt: ‚Das ist gut’. Er kann aber auch feststellen, alles Holz ist weg.  Schon erscheint ihm die Zukunft des Frierens. Sein Empfindungszustand wird dann durch das zu erwar­tende Frieren gestört. Und das findet er jetzt gar nicht mehr gut, sondern schlecht.

Wir haben daher folgendes: Zuerst haben wir Spaltung in der Beziehung. Der Fluss wird nicht mehr als Fluss gesehen, sondern aus dem Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit betrachtet. Aus diesem Vorstellungszusammenhang werden die Dinge zu Dingen, die auffällig werden, Vorhan­densein oder Nicht Vorhandensein von Holz. Auffälligkeit ist Hauptmoment des Reizes und sie zeigt die Spaltung in der Beziehung an. In dem Moment, in dem man etwas tut, z.B. einen Spazier­gang macht, und auf einmal Dinge auffällig werden, die einem Vorstellungszusammenhang ange­hören, aus dem heraus man reagiert, entsteht eine Störung im Empfindungszustand dessen, was man tut, z.B. dem Spaziergang. Die Störung zeigt sich in der Frage nach dem ‚Wie Finden’. Sie äußert sich einerseits in der Bewertung und zum anderen in dem damit zusammenhängenden Ge­fühl, dem Befinden.

Solange sich am Fluss immer wieder Holz vorfindet erscheint das ganze nicht sonderlich proble­matisch. Es wird dann immer wieder wohlwollend registriert werden, denn die Zukunft verheißt ‚Warmhaben’. Ist aber kein Holz da, dann ist der Spaziergang zu Ende. Jetzt ist die Zukunft ‚Frie­ren’.  Und die geistige Bewegung läuft in Richtung Sicherung des Feuerholzes für den kühlen Abend.

Was bedeutet das? Wir haben gesehen, indem sich der Vorstellungszusammenhang der Vergangen­heit unwillkürlich in der Wahrnehmung der Welt aufdrängt, entsteht Spaltung in der Beziehung. Man macht einen Spaziergang. Aber gleichzeitig betrachtet man die begegnenden Dinge danach, wie sie aus dem Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit auffällig werden.  Die Dinge wer­den damit eingeschätzt, interpretiert.  Was auffällig wird, enthält eine Erwartung. Das Vorhanden­sein von Holz enthält die Erwartung von ‚Warmhaben’. Das Nichtvorhandensein von Holz enthält die Erwartung von ‚Frieren’.  Die Erwartung hat aber mit dem unmittelbaren Tun, dem ‚Spazier­gang’  nichts zu tun. Sie steht damit in keinerlei Beziehung. Womit sie in Beziehung steht, ist das Danach des Spaziergangs, die Zukunft. Die Erwartung stört den Empfindungszustand. Der Bet­rachter erfährt diese Störungen in seinem Gefühl. Die Störung ist seine Stimmung. Und die Stim­mung ist der psychische Zustand, der sich aus dem Abstimmungsvorgang bezüglich Bewertung und Empfindungszustand ergibt, das Befinden.  Dieses Abstimmen ist Aktivität.

Findet sich Feuerholz am Fluss, dann ist die Aktivität mit dieser Feststellung beendet. Der Spazier­gang kann weitergehen. Findet sich kein Feuerholz am Fluss, dann ist der Spaziergang vorerst be­endet und die Aktivität müht sich um die Sicherung des Feuerholzes. Und das ist das ‚Erkunden’ weiterer Fundorte.  In diesem Erkunden erwirbt der Betrachter Wissen. Hat er Wissen um weitere Fundorte, dann kann sein Spaziergang wieder weitergehen.

Wir sehen, Wissen erhält seine Bedeutung innerhalb eines Vorstellungszusammenhangs in dem Gegenstände und Aktivitäten in Beziehung zum Empfindungszustand stehen. Der Antrieb zur Er­langung von Wissen ist die Störung, die sich aus dem Auffälligwerden der Dinge im Reiz ergibt. Das Wissen selbst erschließt die Gesamtheit aller Dinge, die im Vorstellungszusammenhang Si­cherheit versprechen und damit auffällig werden können.  Das Streben nach Wissen ist Reaktion auf die Störung im Empfindungszustand, was Stimmung ist. Das ‚Wissen um’ hat im Vorgang der Abstimmung Wirkung auf die Stimmung, das Befinden.   

Was haben wir damit zusammengetragen: Da ist zunächst Spaltung in der Beziehung. Die Spaltung führt zur Störung im Empfindungszustand. Die Störung äußert sich im Befinden und ist verbunden mit der Frage des ‚Wie Findens’. Das Befinden steht nicht in Beziehung zum Tatsächlichen, son­dern zur Erwartung, der Zukunft. Das Reagieren auf das Befinden ist Aktivität. Die Aktivität ist Abstimmung von Bewertung und Empfindungszustand.  Die Aktivität kommt zu einem sicheren Ende, wenn der Betrachter zu etwas kommen kann, das seine Bewertung bezüglich seines zukünfti­gen Empfindungszustandes sicher macht. Dazu kommt er im Wissen. Das Wissen ist daher der He­bel, den der Betrachter bedient, um auf sein Befinden, seine Stimmung, die durch die Störung be­dingt ist, einzuwirken, derart, dass sein zukünftiger Empfindungszustand gesichert erscheint.   

Die Wirkung dieses Hebels erfährt er als ‚Ich-Gefühl’. Die Sicherung des Empfindungszustands erscheint als Verdienst des ‚Selbst’. Die Automatisierung, sich dieses Hebels zu bedienen, um auf die durch die Spaltung der Beziehung bedingte Stimmung einzuwirken, nenne ich die projektive Konditionierung (auch instrumentelle Konditionierung genannt). Die automatisierte Suche und Be­dienung von Hebeln, um auf seinen Empfindungszustand einzuwirken, zeigt sich im Verlangen. Der zu erwirkende Empfindungszustand ist Wunsch.

Die Dinge, denen der Betrachter nun begegnet werden nach dem Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit interpretiert in Hinsicht auf den zu erwartenden Empfindungszustand. Die Spaltung in der Beziehung erhält ihre eigentümliche Form. Die Beziehung, die ursprünglichen Abhängigkeit ist, aus der generell Unsicherheit erwächst, wird darin zur Bindung, Gebundenheit. Im Auffällig­werden der Dinge haftet der Betrachter dem an, was nach seinem Wissen, seiner Erfahrung, in Be­ziehung zu seinem Empfindungszustand steht. In dieser Anhaftung erscheint ihm sein zukünftiger Empfindungszustand als sicher beschlossen.

Wir sehen: Verlangen ist Bewegung innerhalb der projektiven Konditionierung. Verlangen ist die automatisierte Suche und Bedienung von Hebeln, um auf den Empfindungszustand einzuwir­ken.  Das Terrain, in dem sich diese Hebel befinden, ist das Wissen.  Dieses ist gespeichert im Ge­dächt­nis. Die Beziehung in der projektiven Konditionierung ist Gebundenheit (Bindung), was das­selbe ist wie Anhaftung. Die Form nun, in der die Abstimmung des Wissens mit dem gewünschten Emp­findungszustand erfolgt, ist das ‚rationale Denken’.

Die Art und Weise aber nun, in dem sich die projektive Konditionierung im rationalen Denken arti­kuliert ist das Denken in Ursache und Wirkungszusammenhängen. Indem der Vorstellungszu­sam­menhang der Vergangenheit, der sich aus einem formalen Grundgerüst aus Gegenstand Akti­vität Empfindungszustand zusammensetzt, zu einem Netz von durch  Wissen abgesicherter Ursache und Wirkungszusammenhängen verdichtet wird, entsteht unwillkürlich ein mechanisches Gesamt­bild der Welt. Und das ist der Hintergrund, von dem aus das rationale Denken operiert. In ihm fin­det Verwechslung zwischen der Welt und seinem Bild der Welt statt.  Das Bild der Welt ist darin mit der Welt identifiziert. Die Wirklichkeit ist ihm Realität. Seine Beschäftigung ist Kontrolle und Steuerung. Dabei ist die Kontrolle zunächst ‚rückwärts’ gerichtete Reflexion auf die Sicherung der in das mechanische Weltbild ‚passenden’ Realitätsmomente. Zum andern ist sie Ausgleich der Re­alitätsmomente im ‚vorwärts’-blickenden Erwirken gewünschter Empfindungszustände. Es ist vor­greifendes Eingreifen.

 

Das Wesen der Angst

  Fassen wir jetzt zusammen. Wir sind abhängig von allen Dingen, die uns umgeben. Wir sind als das was wir sind, in unserer Existenz, nur durch all das, wovon wir abhängig sind. Das, wovon wir abhängig sind, ist unsicher. Das ist eine Tatsache. Eine weitere Tatsache ist, dass uns diese Dinge sicher sein müssen, um existieren zu können.

Eine weitere Tatsache ist, dass wir ein Gedächtnis besitzen. Um uns die Dinge, von denen wir abhängig sind, zu sichern, brauchen wir das Gedächtnis. Wir sehen damit eine weitere Abhängig­keit. Zur Sicherung der Existenz besteht Abhängigkeit vom Gedächtnis. Die existenzielle Abhän­gigkeit setzt sich damit aus einer physischen und psychischen Abhängigkeit zusammen. Die psy­chische Abhängigkeit zeigt sich darin, dass sich in der Wahrnehmung der Welt unwillkürlich der Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit aufdrängt, reflexartig als Erinnerung, Bild, Verstan­desbestimmung, Gedanke. Und es ist von unendlicher Wichtigkeit, zu untersuchen, welche Wir­kung dies auf die Beziehung zur Welt hat. 

In dem Moment nun, in dem das, was begegnet, nach dem Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit betrachtet wird, entsteht Spaltung in der Beziehung zur Welt. Die Welt wird nach Auffälligkeiten sondiert, selektiert, die zu erwartenden Empfindungszuständen in der Zukunft in Beziehung stehen. In diesem Vorstellungszusammenhang stehen die Empfindungszustände ebenso in Beziehung zu Aktivitäten. Und es ist das Wissen, das die Beziehung darüber herstellt, welche Aktivitäten bei welchen Auffälligkeiten zu welchen Empfindungszuständen führen.

Spaltung in der Beziehung bedeutet nun weiterhin, dass sich der Betrachter nicht mehr in der existenziellen Abhängigkeit von der Ganzheit der Welt sieht, sondern nur noch zu den Momenten der Welt, die sich ihm aus seinem Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit unwillkürlich aufdrängen, auffällig werden. Es entsteht Bindung, Anhaftung. In der Auffälligkeit interpretiert er diese Momente als Realität. Indem er sich nicht mehr von der Ganzheit der Welt abhängig sieht, findet Konzentration auf das Auffällige statt und die in Beziehung zum Auffälligen stehende Akti­vität ist Verlangen. Wir haben daher die Doppelbeziehung von Interpretation und Verlangen, die sich unwillkürlich als Ergebnis der reflexiven und projektiven Konditionierung, der Automatisie­rung von Interpretieren und Verlangen, einstellt. In der Interpretation und dem Verlangen steht der Betrachter zum Auffälligen in einer Beziehung, die ihm das Gefühl der Sicherheit vermittelt. Wir sehen damit eine Wendung. Die Beziehung, die in der existenziellen Abhängigkeit wesentlich durch Unsicherheit bestimmt ist, hat sich nun in das Gefühl der Sicherheit umgekehrt. Indem nun aus dem Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit den Dingen, die auf einen zukommen be­gegnet werden kann, entsteht Sicherheit in Bezug darauf, was von ihnen erwartet werden kann. Der Betrachter kann sich darauf einstellen, er hat eine Vorhersage, und nimmt demgemäß einen siche­ren Standpunkt ein, weil er mit seinen Erfahrungen meint, einen sicheren Haltepunkt zu haben. 

Und nun fragen wir wieder: Was ist Angst? Ist Angst unmittelbare Folge der grundsätzlichen Unsicherheit, die aus der existenziellen Abhängigkeit herrührt? Müssen wir uns daher angesichts der Tatsache, dass uns die Dinge, von der wir abhängig sind, unsicher sind, stets ängstigen? Ist die Angst also etwas, was wir durch unsere Existenz schon haben? Ist sie ein a-priori unserer Existenz? Ist Angst die Art und Weise, wie Unsicherheit erfahren wird? Und müssen wir daher mit der Angst immer leben, und das heißt, Wege finden, mit ihr umzugehen? Steht die Angst also in Beziehung zu unserer existenziellen Abhängigkeit? Oder steht sie in Beziehung zu unserem Vorstellungszu­sammenhang der Vergangenheit? Ist sie eventuell Ergebnis der Aktivitäten, die sich aus diesem Vorstellungszusammenhang in der Wahrnehmung der Welt dem Betrachter unmittelbar aufdrän­gen? Steht die Angst in Beziehung zu unserer Konditionierung? Steht sie in Beziehung zu unseren automatisierten Reaktionen? Steht sie in Beziehung zum konditionierten Suchen nach Haltepunk­ten, um einen sicheren Standpunkt einnehmen zu können? Oder steht sie in Beziehung zur Anhaf­tung?

Fragen wir zuerst: In welcher Beziehung steht man in der Angst? Wir kennen die Angst, die mit der Furcht vor etwas entsteht. So kennen wir die Angst, die mit der Furcht vor etwas gepaart ist.  Es gibt die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, die Angst vor Folgen der Technik, die Angst vor Krankheit, vor Krieg, die Angst vor dem Versagen, die Angst vor dem Fallen, die Angst vor der Zukunft, die Angst vor einem Unglück, die Angst sich zu verletzen, die Angst vor Verlie­ren, die Angst vor dem Tod etc.  Man kann die Angst unterscheiden in psychische, soziale, ökono­mische, existenzielle Ängste. In all diesen Fällen kennt man die Angst aus der Furcht vor etwas.

Das Etwas, wovor man sich fürchtet ist immer etwas, was erwartet wird, was nicht unmittelbar ist. Das ‚vor’ ist jedoch kein räumliches vor. Es ist zeitlich. Man läuft auf dem Eis. Man ist ängst­lich, denn man fürchtet sich davor auszurutschen, aber man rutscht noch nicht aus. Man hat einen Arbeitsplatz und hat Angst, weil man sich davor fürchtet, ihn zu verlieren. Aber man hat ihn noch nicht verloren. Es droht das Ausrutschen. Es droht der Verlust des Arbeitsplatzes. Es droht, dass man versagt oder sein Gesicht verliert. Das Drohende ist nicht wirklich. Das Drohende ist eine Er­wartung. Es macht aus dem Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit auf sich aufmerksam.  

In der Furcht steht man nicht in Beziehung zu dem, was wirklich ist. Auffälliges ist aus dem Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit heraus zu einem künftig Bedrohlichen geworden. Die Erwartung der Bedrohlichkeit wird in der Furcht erfahren. Und Furcht ist damit abhängig von der psychischen Aktivität, die ganz darin aufgegangen ist, zum einen das Begegnende nach dem Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit zu bestimmen und zum anderen die Empfindungs­zustände nach den Erfahrungen der Vergangenheit zu steuern. Im Rahmen der verstandesmäßigen Bestimmung und der gefühlsgeleiteten Steuerung, die sich wesentlich in der Wechselbeziehung von Interpretation und Verlangen abspielt, wird das Begegnende nach Auffälligkeiten selektiert, die vor dem Hintergrund der Vergangenheit als Erwartung der Bedrohung oder des Glücks erscheinen. Die Erwartung von Bedrohung ist Furcht.  Die Erwartung von Glück ist Lust. Lust und Furcht besitzen die gleiche Wurzel.

Aber was ist nun Angst? Ist Angst mit Furcht identisch?  Ist Angst von der Furcht abhängig? Oder gibt es Angst auch ohne ein bestimmtes Bedrohliches?

Da ist zunächst Spaltung in der Beziehung, die sich aufgrund der automatisierten Wahrneh­mung aus dem Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit ergibt. Die Spaltung äußert sich im Reiz des Auffälligen. Der Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit enthält eine Erwartung in Bezug auf das Auffälliggewordene.  Die aus dem Vorstellungszusammenhang heraus operierende Reaktion verspricht Sicherheit. Die Sicherheit spricht sich in der Bewertung der Situation aus. Die daraus resultierende geistige Bewegung ist Abstimmung von Bewertung und zu erwartendem Emp­findungszustand. Aus der Abstimmung resultiert die Stimmung.  Diese wird im Gefühl wahrge­nommen. Im Gefühl wird die Stimmung als körperliches Befinden erfahren. Die Abstimmung kommt zu einem sicheren Ende, wenn der Betrachter zu etwas kommen kann, das seine Bewertung bezüglich seines zu erwartenden Empfindungszustandes sicher macht. Aber im Abstimmungspro­zess kann der Betrachter nur zu einem solchen kommen, wenn er schon darum weiß, wenn er ein Wissen hat um einen Hebel, durch den sein zukünftiger Empfindungszustand gesichert erscheint.  Der Abstimmungsprozess ist daher ebenfalls Suche nach einem solchen Hebel, nach etwas das in Bezug auf den Empfindungszustand Halt gibt.

Die Furcht nun bezieht sich auf die Erwartung. Das ist das Zukünftige. Sie spricht eine Seite der Angst aus, nämlich das wovor. Aber sie sagt damit nichts über die Angst selber aus. Sie resul­tiert stets aus einer Erwartung und gründet auf einer schmerzlichen Erfahrung der Vergangenheit. In der Furcht wird stets nur das Empfinden ausgesprochen, das sich in Bezug auf eine schmerzliche Erwartung aufgrund schmerzlicher Erfahrungen ergibt. In der Furcht bleibt der psychische Hinter­grund verborgen, durch den sie bedingt ist. Furcht ist immer Furcht vor etwas. Sie ergibt sich aus der reflexiven Konditionierung, aus der Bewertung des Begegnenden nach dem Vorstellungszu­sammenhang der Vergangenheit. Aber die Angst bezieht sich auf die konkrete, gegenwärtige Akti­vität bezüglich der Erwartung. Sie ist der beständige Zustand, der sich aus der Blockierung der psy­chischen Bewegung ergibt, die sich automatisch einstellt, dass man sich schon im Automatismus befindet, auf das zu Erwartende im Rahmen seiner projektiven Konditionierung zu reagieren, also einen im Gedächtnis vorgezeichneten, Sicherheit und Erfolg versprechenden Weg zu suchen, aber so etwas letztlich nicht mit Sicherheit vorfinden kann, weil es so etwas nicht gibt. Angst ist die Blockierung, die sich daraus ergibt, dass das Verlangen letztlich keinen Halt findet, und finden kann. In der Angst hat man das Sehen, dass einerseits die Reaktion des Verstandes stets beschränkt ist und dem Begegnenden nicht angemessen, andererseits lässt die Konditionierung nichts anderes zu, als gerade im Rahmen der verstandesmäßigen Konditionierung, die sich als ‚Ich’ ausspricht zu reagieren. Die Angst ist damit die Blockierung, Empfindungszustand, der sich aus der projektiven instrumentellen Konditionierung ergibt. Aber sie weist auch auf die Grenze dieser Konditionierung, auf die Beschränktheit der Psyche durch Konditionierung. In der Angst wird die Beschränktheit der psychischen Tätigkeit als konditionierte, also bedingte Tätigkeit, nicht gesehen und nicht der Wir­kungsmechanismus, der die Angst hervorgerufen hat. Es ist das Suchen nach Antworten, obwohl sich zeigt, dass das auf diese Weise erfolgende Suchen keine Antwort liefern kann.

Furcht und Angst entstehen aus der Doppelbeziehung von Interpretation von Verlangen, das sind automatisierte psychische Vorgänge als Wesen der reflexiven und projektiven Konditionie­rung. Die Beziehung, die in der existenziellen Abhängigkeit wesentlich durch Unsicherheit gekenn­zeichnet ist, aber durch die Konditionierung in das Gefühl von Sicherheit gekehrt wird, erkauft sich dieses Gefühl der Sicherheit durch ein Leben, das immer unterschwellig von Furcht und Angst be­gleitet ist. Indem aus dem Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit den Dingen, die auf ei­nen zukommen, erfolgversprechend begegnet werden kann, also aus dieser Bewusstseinsform schon das Gefühl von Sicherheit vorgezeichnet ist, besteht stets die Gefahr, dass sich der vermeint­liche Haltepunkt als solcher nicht bewährt oder nicht finden lässt. 

Solange man einen Arbeitsplatz hat, ist einem der Lebensunterhalt gesichert. Man hat damit die Möglichkeit, andauernd Geld zu verdienen. Arbeitsplatz, Lebensunterhalt, Geld stehen dabei in einem Vorstellungszusammenhang. Geld und Arbeitsplatz nehmen dabei eine Funktion in Bezie­hung zum Lebensunterhalt ein. Die Erfüllung dieser Funktion verspricht Sicherheit. Durch Geld aufgrund des Arbeitsplatzes erscheint der Lebensunterhalt gesichert. Aus diesem Funktionszusam­menhang heraus muss es daher zu einer Bedrohung werden, wenn sowohl das Geld als auch der Arbeitsplatz auf irgendeine Weise verlustig werden könnte. Tatsache ist, nichts ist wirklich sicher. Aber aufgrund der reflexiven und instrumentellen Konditionierung ist man ständig in erfolgver­sprechende Aktivitäten verwickelt, aufgrund derer die Haltepunkte im Funktionszusammenhang der Dinge gesichert werden sollen. Man macht seine Arbeit so, dass man im sicheren Gefühl ist, dass man sie behält oder sich womöglich beruflich noch verbessern kann. Dies Gefühl von Sicher­heit, das man bei diesen Aktivitäten hat, ist jedoch eine Illusion. Die Verwicklung in diese Aktivi­täten zeigt sich im beständigen Suchen nach Auffälligkeiten, durch die das Gefühl von Sicherheit sich immer wieder festmachen kann. Man achtet auf den Geldwert, achtet auf die Auftragslage, achtet auf die Gesten der Mitarbeiter. So werden die Entwicklung des Geldwerts, der Auftragslage, der Gesten der Mitarbeiter zu einem Reizquell ständiger Versicherungsbemühungen, welche Kon­trolle sind. Doch in diesen Versicherungsbemühungen ist immer schon das Auffällige als Bedro­hung ausgemacht. Furcht und Angst sind stets unterschwellig vorgezeichnet. Aktuell werden  sie dann, wenn sich das Auffällige in eine Richtung entwickelt, hinsichtlich der sich kein Halte punkt für erfolgversprechende Einflussmöglichkeiten einstellt.    

Grundsätzlich sind wir von all den Dingen abhängig. Gesundheit, Arbeitsplatz, Wetter, der Sonne, der Luft, der Gesellschaft, dem Geldwert, der Nahrung, dem Nachbarn, dem Stuhl, auf dem man sitzt etc.. All diese Dinge sind unsicher. Um existieren zu können, müssen uns all die Dinge, die Welt, sicher sein. Das ist unsere Situation. Aber die Tatsache der Unsicherheit ist weder be­drohlich noch beängstigend. Furcht und Angst stehen nicht mit Tatsachen in Beziehung. Aus der Beziehung zur Tatsache ergeben sich Furcht und Angst nicht. Es ist das ganze Elend von Philoso­phie und Psychologie, dass sie Furcht und Angst aus der existenziellen Abhängigkeit und der damit verbunden Unsicherheit zu erklären versuchten und damit nicht verstehen können, dass diese erst aus der Rückwirkung der Aktivitäten, die zur Sicherung unternommen werden, entstehen. Die Ak­tivitäten zur Sicherung sind vom Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit geleitet. Und das ist Denken. Das Denken operiert auf der Basis von Wissen.  Und in diesem Operieren, das wesent­lich Interpretieren und Verlangen (Definieren und Schlussfolgern) ist, hat der Betrachter einen si­cheren Haltepunkt. Das Denken und die damit verbundenen Gefühle verspricht Sicherheit. Es ist Aufgehen der Psyche im Endlichen. Dieses Versprechen löst es ein, in dem es auf Auffälligkeiten aus dem Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit achtet. In diesem Vorstellungszusammen­hang stehen die Dinge in einem Funktionszusammenhang, deren Erfüllung Sicherheit versprechen. Das Achten auf diese Auffälligkeiten ist damit beständige Versicherungsbemühung, Kontrolle. In der Kontrolle ist das Auffällige schon als Bedrohung vorbestimmt.  Die beständige Versicherungs­bemühung, das beständige Achten auf Auffälligkeiten, ist ständige Quelle von Furcht. Denn inner­halb des Funktionszusammenhangs ist das Auffällige immer entweder Versicherung oder Bedro­hung. Seine Beziehung zum Auffälligen erfährt der Betrachter als Stimmung. Sie resultiert aus der Abstimmung der Bewertung des Auffälligen mit dem zu erwartenden Empfindungszustand. Der Abstimmungsprozess sucht nach einem Haltepunkt, durch den er zu einem Sicherheit versprechen­den Ende, einem Urteil, gelangen kann. Die Sicherheit, die dieser Abstimmungsprozess verspricht, spricht sich im ‚Ich-Gefühl’ aus.  Die Versicherung im Urteil beruhigt. Das Nicht gelangen an ei­nen Haltepunkt beunruhigt und damit droht das Nicht erlangen der Sicherheit im ‚Ich Gefühl’. Die Tatsache, dass sich im Abstimmungsprozess die Endlichkeit, Beschränktheit, dieser ganzen psychi­schen Aktivitäten im ‚Ich-Gefühl’ zeigt, ist beständige Quelle der Angst. 

Angst resultiert aus der psychischen Abhängigkeit, in welche die konditionierte Psyche geraten ist. In der konditionierten verstandesmäßigen Tätigkeit hat man beständiges Suchen und Festhalten an Haltepunkten. In der Angst hat man aber auch das Sehen der Endlichkeit dieser Haltepunkte. Und die Endlichkeit dieser Haltepunkte ist eine Tatsache, da sie nichts weiter als die Schlussfolgerung aus der verallgemeinerten Erfahrung sind.  Sie sind immer nur Haltepunkte, rückwärts gerichtet, in der Interpretation der Vergangenheit. Die eigentliche Quelle der Angst ist das Festhalten am Endlichen überhaupt.  

Verfasst im Jahre 1996, überarbeitet und zur Veröffentlichung freigegeben im Mai 2001

Walter Kusenberg

Vörstetten, den 18. Mai 2001

 

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