Das Wesen der Angst
| In
welcher Beziehung steht sie zu Abhängigkeit und Unsicherheit? In welcher
Beziehung steht sie zur Situation in der Angst entsteht? In welcher
Beziehung steht sie zum Bewusstsein, das Angst wahrnimmt, in Angst handelt
und auf Angst reagiert? |
Versteht
man die Angst, wenn man sie aus den jeweiligen Situationen erklären kann, in
denen sie auftritt? Was bedeutet es, wenn man die Angst als zwangsläufige
Reaktion auf die Gefahr und die Funktion der Angst als notwendiges Stimulans für
die Suche nach Schutz begreift? Beinhaltet die Erklärung der Angst nicht immer
wieder die nachträgliche Rechtfertigung der Auswirkungen der Angst? Versteht
man die Bedeutung der Reaktion auf Angst? Hat man also mit der Erfahrung der
Angst ein Verstehen der Angst und alledem was sie beinhaltet und bedeutet.
Man
hat vielleicht eingesehen, wie wichtig es ist, zu klären, ob man in Angst
handelt oder frei von Angst handelt. Man sieht vielleicht, dass der Mensch ohne
Angst sein muss, wenn er überhaupt zu einem angemessenen Handeln kommen möchte.
Nur, wie soll das möglich sein? Man sieht, dass die Angst lähmt. Was geschieht
nun? Ist man nun versucht einen Anspruch an sich zu haben, ohne Angst zu sein?
Ist man nun versucht, eine Atmosphäre zu schaffen, von der man glaubt,
dass Angst darin nicht auftreten kann? Ist man versucht, an Andere, die Umwelt,
die Gesellschaft Anforderungen zu stellen, deren Erfüllung Angst verhindern
soll? Man stellt diese Fragen und man sieht, dass das überall getan wird. Und
man sieht auch, dass all dieses Tun an der Tatsache der Angst bisher nichts geändert
hat. Und wenn wir uns das Gemeinsame dieses Tuns anschauen, dann sehen wir, dass
in all diesem Tun, die Angst als etwas der Handlung äußerlichem, fremdem
betrachtet wird, auf das einzuwirken, das abzudrängen, zu verhindern, zu
eliminieren, anzunehmen, die loszulassen oder mit der umzugehen ist.
Die
Angst wird gewöhnlich als etwas verstanden, das von vornherein in der
menschlichen Psyche angelegt ist, etwa als zwangsläufige Reaktion auf eine
Gefahr. Die Frage nach der Ursache der Angst ist dann eine Frage nach
Ereignissen, Umständen und Situationen, als der Initialzündung, die diese
Anlage als etwas Funktionelles unmittelbar wirksam werden lässt. Da in diesem
Verständnis der Gegenstand der Betrachtung nicht mehr die Angst selber ist, da
diese als a-priorische Anlage außer Frage steht,
geht es dann nur noch darum, Möglichkeiten zu suchen, auf Ereignisse,
Situationen und Umstände einzuwirken, bzw. den sich Ängstigenden zu befähigen,
mit seiner Angst umzugehen. Und es wird in all diesem Tun nicht untersucht, in
welcher Beziehung die damit die in bezug auf die Angst unternommen Aktivitäten,
das Suchen nach Ursachen, das Suchen nach Erklärungen, das Wirken auf äußere
Umstände und Situationen, das Befähigen des sich Ängstigenden selbst wieder
zur Tatsache der Angst stehen.
Also
bleiben wir bei der
Frage: Was ist Angst? Es zeigt sich, dass wir versucht sind, Angst in Abhängigkeit
mit Situationen zu sehen, einer Gefahr, in der sie auftritt. Es droht der
Verlust eines Arbeitsplatzes. Es droht ein Unwetter. Es droht eine
Klimakatastrophe. Es droht dem Schüler eine schlechte Note, wenn er faul ist.
Es droht dem Ehemann, dass die Ehefrau ihn verlässt. Es könnte geschehen, dass
man sich bei einer Tätigkeit, dem Sport, der Arbeit, verletzt.
Das Kind ist aus dem Haus gegangen und
nicht rechtzeitig wieder zurückgekehrt. Es droht, dass ihm etwas
passiert ist. Wir sehen, in solchen Situation begegnet uns Angst. Wir kennen
das, man hat es schon erlebt. Versteht man aber nun, was Angst ist, wenn man sie
in der Abhängigkeit von Situationen sieht, in denen Angst zwangsläufig
auftritt? Wenn man nach Situationen unterscheidet, in denen Angst als etwas
Selbstverständliches genommen und Situationen, in denen man keine Angst haben
sollte und für die man sich dann etwa einredet: ‚Da brauchst Du aber wirklich
keine Angst zu haben’? Was geschieht mit diesem Unterscheiden? Nach
subjektiven, persönlichen Erfahrungen macht man Unterschied, wann Angst verständlich
ist hat und wann Angst nicht verständlich ist. Die Verständlichkeit der Angst,
wird von der jeweiligen Situation abhängig gemacht. Angst in solcherweise verständlichen
Situationen, in denen man die Ursache zu kennen scheint wird selbstverständlich
hingenommen. Das bedeutet aber, dass es weiterhin bei Auftreten
vergleichbarer Situationen einem verständlich erscheint, wenn Angst auftritt.
Andererseits: Wird die Verständlichkeit nicht eingesehen, dann muss man sich in
diesen Situationen gegen die Angst wappnen. Und dieses Wappnen läuft dann stets
darauf hinaus, dass man sich etwas einredet, dass man die Angst nicht zu haben
bräuchte. Und man fordert von sich etwas, was man das Gegenteil der Angst
nennt, etwa Mut oder Vertrauen. Versteht man aber etwas über die Angst, wenn
man ihr Mut oder Vertrauen entgegensetzt? Versteht man etwas über die Angst,
wenn man sie aus einem Mangel an Mut oder Vertrauen erklärt?
Die
Frage ist: Was ist Angst? Wie wollen wir nun diese Frage beantworten? Wir
stellen in Frage, einen Anspruch der Angstfreiheit zu postulieren. Wir stellen
in Frage, Anforderungen an andere, die Umwelt, die Gesellschaft zu stellen. Wir
haben gesehen, dass wir die Angst nicht verstehen, wenn wir die Angst als etwas
Äußerliches, Angelegtes betrachten, mit dem man auf irgendeine Weise umgehen
habe. Wir haben gesehen, dass wir die Angst nicht verstehen können, wenn sie
uns für Situationen, in denen wir sie erlebten, verständlich erscheint. Wir
verstehen Angst nicht, wenn die subjektiv, persönliche Erfahrung der Angst zum
Maßstab des Umgangs mit der Angst gemacht wird. Was haben wir aber damit
gewonnen? Wir haben die Beziehung des Betrachters der Angst zur Angst in Frage
gestellt und sehen damit, wie wichtig es ist, die formelle Beziehung des
Betrachters der Angst zur Angst, des sich Ängstigenden zu seiner Angst, zu klären.
Wie
ist nun diese Beziehung des Betrachters der Angst zur Angst? Da ist der
Betrachter. Und er sieht Angst. Er sieht die Angst als etwas, was ihn überkommt.
Dieses Überkommen der Angst geschieht erfahrungsmäßig in bestimmten
Situation. Der Betrachter sieht, dass sein Handeln, dann wenn ihn die Angst überkommt,
unangemessen ist. Er spürt das lähmende und einengende Gefühl der Angst. Er
versucht nun um sich Luft zu verschaffen, auf die Angst einzuwirken, um zu einem
Handeln zu kommen, zu dem er stehen kann. Darin zeigt sich eine doppelte Abhängigkeit.
Einerseits sieht sich der Betrachter von seinem psychischen Zustand abhängig.
Er weiß: hat er Angst, dann ist sein Handeln unangemessen. Er spürt die lähmende
Wirkung der Angst. Andererseits sieht der Betrachter seinen psychischen Zustand
von den Situationen abhängig, in denen er handeln muss. In dem Moment, in dem
der Betrachter festlegt, in welchen Situationen Angst auftritt und in welchen
nicht sollte, und daran festhält, hat er ein Prinzip an der Hand, sein Handeln
zu erklären und zu begründen. Er braucht die Angst nicht mehr zu verstehen,
weil ihm dies Prinzip als autoritativer Bezug dient, auf die er sein Handeln
stets zurückführen kann.
Der
Betrachter der Angst, seine Beziehung zur Angst und seine Abhängigkeiten sowohl
in den Lebenssituationen als auch zu seinem psychischen Zustand stehen zur
Frage. Das müssen wir untersuchen. Untersuchen wir also die Frage objektiv und
unpersönlich.
Was
bedeutet das? Er kann dieser Abhängigkeit nicht entrinnen.
Er kann sich nicht isolieren. Er ist das ganze Geflecht dieser Abhängigkeiten
und ist, das was er ist, nur durch das Geflecht dieser Abhängigkeiten. Der
Zusammenhang der Dinge ist aber fließend. Nichts ist von Dauer. Alles ist im
Fluss. Und damit besteht gegenüber allem, was der Betrachter braucht,
Unsicherheit darüber, ob er es auch bekommt, ob er darüber verfügen kann.
Alles wovon der Betrachter abhängig ist, ist im Fluss und das impliziert die Möglichkeit
des Bekommens, Behaltens, Verfügens, Abhandenkommens und des Verlierens. Das
ist die eine Seite der Unsicherheit. Da er aber nun auch nur durch den Fluss der
Dinge ist, als das was er ist, besteht Unsicherheit hinsichtlich dessen was er
ist und sein kann, besteht weiterhin Unsicherheit in Bezug auf Entstehen oder
Vergehen.
Die
Unsicherheit birgt die Gefahr. Geht das Wasser aus, verdurstet man. Und das
Wasser geht schon aus, wenn man es trinkt. Geht das Licht aus, steht man im
Dunkeln und kann nichts mehr tun. Geht die Nahrung aus, verhungert man. Und sie
geht aus, indem man sie verzehrt. Geht die Kleidung aus, ist man nicht mehr vor
Regen, Kälte und Wind geschützt. Was man nutzt, nutzt sich
ab. Geht die Luft aus, erstickt man. Geht das Geld aus, dann kann man
sich nichts mehr kaufen. Verliert man Wissen, dann kann man nicht mehr
antworten. Geht das Benzin aus, dann kann man nicht mehr Auto fahren. Geht das
Salatöl aus, dann schmeckt einem der Salat nicht mehr. Alles das, wovon man abhängig
ist, impliziert schon von vornherein den Verlust. Alles kann man verlieren, die
Ehefrau, den Ehemann, die Kinder, das Haus, das Auto, das Bankkonto, das schöne
Wetter, das Auto, den Arbeitsplatz, den Kunden, das Geld, die Gesundheit, den
Garten, den Wald, den Schatten des Baumes, die frische Luft.
Also
muss man sich darum sorgen, dass man das, was man braucht, auch hat, darum, dass
es einem auch weiterhin zur Verfügung steht. Wir können nicht existieren ohne
die Dinge, die wir zum Existieren brauchen. Also müssen wir etwas unternehmen,
etwas tun, etwas entwickeln, um uns all diese Dinge zu sichern. Im Winter finden
wir draußen keine Nahrung vor. Also müssen wir für den Winter vorsorgen, die
Nahrung, die Sommer und Herbst liefern so lagern und haltbar machen, dass sie
nicht verdirbt. Wir müssen uns all
das sichern, was wir zur Existenz brauchen. Sonst können wir nicht leben. Das
ist eine Tatsache.
Wir
sehen also unsere Abhängigkeit. Wir sehen die Unsicherheit.
Wir sehen die Gefahr des Verlierens, was Verletzung, Verdursten,
Verhungern, Erfrieren, Krankheit etc. bedeutet. Und wir sehen die Notwendigkeit
der Sicherung all der Dinge, die wir brauchen, da wir sonst nicht leben können.
Darum hat sich unser Handeln zu kümmern. Daran kommt man nicht vorbei. Darum
braucht man Ökonomie und Technik. Und in diesem Sinne spreche ich von
existenzieller Abhängigkeit.
Es
gilt daher, zwischen existenzieller und psychologischer Abhängigkeit zu
unterscheiden. Betrachten wir das zuerst einmal formal. Wir haben gesehen, da
ist unsere existenzielle Abhängigkeit von allen Dingen, die uns umgeben. Zum
Existieren brauchen wir all diese Dinge und wir existieren als das, was wir
sind, durch diese Dinge. Damit ich nicht verhungere brauche ich Nahrung und
ich bin aus dem, was ich zu mir nehme zusammengesetzt. Ich bin das Geflecht all
dessen, was ich zu mir genommen habe und nehme. Ich bin
‚das Ensemble’ des Geflechts der Abhängigkeiten, in denen ich
existiere und durch die ich nur existieren kann. Aber all das, was ich brauche
ist unsicher. Es kann verloren gehen. Still ich meinen Hunger, dann verzehre ich
Nahrungsmittel, das ist mein Essen, und die Mittel sind weg, verzehrt. Komme ich
nach dem Schwimmen im See ans Ufer zurück, dann kann es mir geschehen, dass
Kleidung und meine sonstigen Sachen weg sind. Und ich kann nicht existieren,
wenn mir die Dinge, die zur Existenz nötig nicht sicher sind. Bleibt die
Nahrung nach dem Verzehr weg, dann muss ich verhungern. Bleibt mir die Kleidung,
das Handtuch zum Abtrocknen, nach dem Schwimmen weg, dann werde ich frieren,
schlimmstenfalls erfrieren. Wir sind abhängig, und das wovon wir abhängig
sind, muss uns sicher sein, sonst können wir nicht leben.
Das
Sehen dieser Tatsache bedeutet die Freiheit von allen Bestrebungen, unabhängig
sein zu wollen. Freiheit ist nicht Unabhängigkeit. Alle Versuche, Freiheit als
Unabhängigkeit zu definieren, sind daher zwangsläufig isolierende,
egozentrische Aktivitäten. Wir
sind abhängig und das, wovon wir abhängig sind, muss uns sicher sein. Das ist
eine Tatsache. Die andere Tatsache ist, dass es unsicher ist. Wir müssen uns
darum kümmern, dass es uns sicher wird. Das ist eine weitere Tatsache. In
diesem Kümmern erwerben wir Fähigkeiten diese Dinge zu sichern. Damit entsteht
als weitere Abhängigkeit, die Abhängigkeit zu diesen Fähigkeiten. Wenn wir
essen wollen, müssen wir kochen können. Wenn wir Kleidung tragen wollen, müssen
wir Kleidung anfertigen können. Da all diese Dinge dem Verschleiß und dem
Untergang unterliegen, müssen wir unsere Fähigkeiten ständig gebrauchen, müssen
wir sie erwerben, erhalten, entwickeln und sichern. Wir entwickeln psychische
Fähigkeiten um uns das, was uns naturgemäß unsicher ist, zu sichern. Wir sind
daher abhängig von Nahrung, Kleidung, Wohnung etc. und abhängig von
psychischen Fähigkeiten.
Unsicher
sind uns alle Dinge, von denen wir existentiell abhängig sind.
Besteht nun auch Unsicherheit bezüglich der Fähigkeiten, den
psychologischen Steuerungsmechanismen, den konstruktiven Elementen der
psychologischen Abhängigkeit? Um existieren zu können, muss das, wovon man
abhängig ist, sicher sein. Die Abhängigkeit von psychologischen
Steuerungsmechanismen impliziert, dass die Wirksamkeit dieser Mechanismen
sicher sein muss. Und das bedeutet, dass wir es mit einer doppelten Abhängigkeit
zu tun haben. Diese zweite Form der Abhängigkeit, die Abhängigkeit von den
psychologischen Steuerungsmechanismen, nenne ich
psychologische Abhängigkeit. Und es stellt sich damit die Frage, was
diese Art der Abhängigkeit bedeutet, welche Rückwirkungen sie hat. Auf
welche Weise beeinflusst diese Abhängigkeit die Wahrnehmung und unsere
Beziehung zu den Dingen, die wir wahrnehmen?
Die
Sicherung der Dinge, von denen wir abhängig sind, vollzieht sich in der Aktivität
des Erworbenen und erweist sich in dessen Funktionalität.
Indem
ich meine Fähigkeit anwende, in dieser Fähigkeit tätig bin, sichere ich mir
etwas, von dem ich existenziell abhängig bin. Aus der existenziellen Abhängigkeit
ist somit eine sekundäre Abhängigkeit erwachsen, die Abhängigkeit von Fähigkeiten,
Wissen und Eigenschaften. In diesem Sinne spreche ich von psychologischer Abhängigkeit.
Es
gilt daher nun zu untersuchen, welche Rückwirkung diese Abhängigkeit auf den
gesamten psychischen Apparat hat.
(reflexive
Konditionierung)
Ich
habe Hunger, brauche etwas zu essen. Ich sehe dort Nahrungsmittel, aber diese
werden mir verwehrt. Ich habe kein Geld diese zu kaufen. Ich schwimme ans Ufer
zurück und sehe, meine Kleider,
meine ganzen Sachen mit all meinem Geld sind weg. Ein kleines Kind muss lernen.
Es muss die Welt um sich erkunden, denn es ist von all diesen Dingen abhängig.
Es muss sie in die Hand nehmen. Nähert es sich der Stereoanlage, dann wird es
weggezogen. Da sind die Dinge, die ich brauche, um zu leben und nur durch diese
Dinge bin ich das, was ich bin. Ich brauche sie um zu existieren, das was ich
bin, bin ich durch das, was ich brauche. Und plötzlich bin ich davon getrennt,
losgerissen, geschieden. Es geht unter. Es wird mir verwehrt. Es ist mir nicht
zugänglich. Dass etwas, was einem wichtig ist, verloren geht, dass es einem
verwehrt wird oder dass es für einen unzugänglich ist, sind Basiserfahrungen,
die gewiss jeder kennt.
Was
geschieht hinsichtlich dieser Basiserfahrungen? Es regt sich ein Widerstand. Was
untergeht wird versucht festzuhalten. Zu dem Unzugänglichen werden Türen
gesucht. Gegen das Verwehren wird angekämpft.
Das,
was untergeht, kann nicht festgehalten werden. Was aber festgehalten werden kann
ist die Vorstellung, das Bild, das ich von der untergehenden Sache habe. Wenn
ich von etwas getrennt, losgerissen und geschieden bin, dann bin ich das. Wovon
ich jedoch nicht getrennt, losgerissen, geschieden bin, ist die Vorstellung von
der Sache. Die Dinge mögen entstehen oder vergehen. Sie mögen in ständigem
Fluss sein. Im Bild, in der Vorstellung, sind sie festgehalten. Und dieses Festhalten
vollzieht sich im Gedächtnis.
Widerstand
ist Festhalten im Gedächtnis. Im Gedächtnis festhalten ist verinnerlichen. In
Beziehung stehen zu dem im Gedächtnis Festgehaltenen ist sich erinnern. Sich
erinnern bedeutet, in Beziehung stehen zu etwas, das im Gedächtnis festgehalten
ist, zu einer Sache, die einmal gewesen ist, aber nicht mehr ist. In der
Erinnerung steht man in Beziehung zum Vergangenen, der Vergangenheit.
Somit
entsteht Spaltung in der Beziehung. Da sind die Dinge, die Welt, zu der ich
existentiell in Beziehung stehe, von denen ich existenziell abhängig sind. Die
Welt ist in ständigem Fluss. Sie ist unsicher und gefährlich. Und da ist das
Bild, die Vorstellung, von den Dingen, die festgehaltene Welt. Beides ist nun
da, wird nun wahrgenommen. Die wirkliche Welt in ihrem Fluss und die Vielzahl
der Bilder und Vorstellungen, die aus der Vergangenheit gewonnen sind.
Und
die Frage, die es nun zu untersuchen gilt, ist: Welche Wirkung hat die Spaltung
im Wahrnehmen auf die Wahrnehmung?
Ich
habe ein Feuer gemacht. Das Feuer hat mich gewärmt. Jetzt ist das Holz
aufgebraucht. Das Feuer beginnt zu erlischen. Ich fange an zu frieren. Was
geschieht? In der Erinnerung des Warmhabens regt sich Widerstand gegen das
Frieren. Die Erinnerung sagt: Als das Feuer war, hast du nicht gefroren. Damit
wird die Vorstellung von ‚Feuer’ mit der Vorstellung von ‚nicht Frieren’
in Beziehung gesetzt. Und in dieser Beziehung ist ‚Nicht frieren’ gebunden
an ‚Feuer’. Aber das Feuer ist am Erlöschen. Die Erinnerung sagt nun: Als
du noch ‚Holz’ auflegen konntest, brannte das ‚Feuer’ munter weiter.
Damit wird die Vorstellung von ‚Feuer’ mit der Vorstellung von ‚Holz’ in
Beziehung gebracht. Und der Widerstand gegen das Erlöschen des Feuers äußert
sich in der Nachfrage nach ‚Holz’. Aber das Holz ist aufgebraucht. Es ist
keines mehr da, womit man das Feuer weiter nähren könnte. Die Erinnerung sagt:
Das ‚Holz’, das eben verbrannt wurde, welches das Feuer nährte, fand ich am
‚Ufer des Flusses’, welches nun in der Erinnerung erscheint. Und damit
stellt sich die Frage nach dem Herbeischaffen des ‚Holzes’ hier an diesen
Ort, da wo ich mich aufhalte und zu frieren beginne.
Schauen
wir uns das an. Die Erinnerung greift auf unterschiedliche, voneinander
getrennte, diskrete Zeitpunkte zurück. Da ist der Zeitpunkt, wo man am Feuer
sitzt und sich wärmt. Da ist der Zeitpunkt, wo man am Fluss war und dort Holz
sah. Da ist der Zeitpunkt, wo man vom Fluss das Holz herbeischaffte. Aber das zu
verschiedenen Zeiträumen Gewesene wird nun in einem Bild, zu einem
Vorstellungszusammenhang zusammengesetzt, der sich aus den Momenten: Frieren,
Nicht Frieren = Warmhaben, Feuer, Holz und Ufer des Flusses, Fortbewegung etc.
zusammensetzt. Und in diesem Vorstellungszusammenhang stehen in Beziehung
Empfindungszustände, (Frieren und Warmhaben), mit Gegenständen (Holz, Feuer,
Ufer des Flusses) zu notwendigen Aktivitäten, die der Mensch in Bezug auf seine
Empfindungszustände verrichten muss (Herbeischaffen und Auflegen von Holz
etc.). Aus der Welt im Fluss gerinnt ein Vorstellungszusammenhang über die
Beziehung von Empfindungszuständen zu daran gebunden Gegenständen und damit
verbundenen Tätigkeiten. Die dynamische Welt wird damit in einen
Vorstellungszusammenhang projiziert, in dem die Momente der dynamischen Welt zu
Momenten eines mechanischen Systemzusammenhangs gerinnen. Und in diesem
Systemzusammenhang erhält nun jedes dieser aus der dynamischen Welt projizierte
Moment eine Funktion. Die geistige Tätigkeit, die dies vollbringt, nennen wir
den Verstand.
Das
Feuer wird nun nicht mehr als Feuer betrachtet, sondern in seiner Funktion zu wärmen.
Das Holz wird nicht mehr als Holz betrachtet, sondern in seiner Funktion, als
Nahrung für Feuer zu dienen. Der Fluss wird nicht mehr als Fluss betrachtet,
sondern in seiner Funktion, Schwemmholz bereitzuhalten. Und so entsteht ein
festgefügtes Bild von der Wirklichkeit in dem Empfindungszustände, Gegenstände
und Aktivitäten aufeinander bezogen sind.
Und
wir sind von diesem Vorstellungszusammenhang abhängig. Wird vergessen, dass das
Feuer mit Holz weiter genährt werden kann, dann wird es erlöschen. Wird
vergessen, woher man Holz herbeischaffen kann, dann muss man vielleicht lange
danach suchen müssen in der Ungewissheit, welches zu finden. Man wird
frieren, schlimmstenfalls erfrieren. Wird vergessen, dass man essen muss, wenn
man hungert, dann wird man verhungern. Wird vergessen, dass man trinken muss,
wenn einem dürstet, dann wird man verdursten.
Aber
was geschieht nun? In diesem Vorstellungszusammenhang erscheinen die
festgehaltenen Momente der Welt in einem festgefügten Zusammenhang. Innerhalb
dieses Zusammenhangs erscheinen sie sicher. Solange ich Holz habe ist mir das
Feuer gesichert. Solange am Fluss Holz herumliegt, ist mir das Holz für das
Feuer gesichert. Solange ich Feuer habe, ist mir das Warmhaben gesichert.
In
diesem Vorstellungszusammenhang ist nun die Welt in funktionale Momente zerlegt.
Man nennt die so gefasste Welt die Realität. Diese funktionalen Momente, deren
Zusammenfassung die Welt des Betrachters ist, das Bild der Welt, die Realität,
erhalten nun Bedeutung dadurch, dass sie in einer funktionalen Beziehung zum
Empfindungszustand des Betrachters stehen. Die Welt, das was wir wahrnehmen,
wird nun wahrgenommen in der funktionalen Beziehung zum Empfindungszustand und
den damit zusammenhängenden Aktivitäten. Das was wir sehen, wird nicht mehr gesehen
als das, was es ist. Es wird gesehen aus der funktionalen Beziehung zu
Empfindungszuständen. Wahrnehmung wird zu Reiz, die Welt zum Reizenden.
Wahrgenommen wird das Reizende, die Welt, nach den Bestimmungen des
Vorstellungszusammenhangs, der die Verallgemeinerung vergangener Erfahrungen
ist. Und dieser Vorstellungszusammenhang enthält eine Erwartung in Bezug auf
den Empfindungszustand des Betrachters. Die
Abfolge von Erwartung und Reaktion (damit zusammenhängende Aktivität) auf
diese Erwartung ist im Verhalten aus diesem Vorstellungszusammenhang heraus
eine beschlossene Sache. Die Reaktion aus diesem Vorstellungszusammenhang
heraus verspricht Sicherheit. Dem Inhalte nach ist sie Bewertung.
Die
Automatisierung des Vorganges der Wahrnehmung, indem die Welt nach dem
Vorstellungszusammenhang, der sich aus der vergangenen Erfahrung
zusammensetzt, betrachtet wird, und in dem daher das Wahrgenommene in der Form
des Reizes erscheint, dem unmittelbar eine Sicherheit versprechend Reaktion,
die Bewertung, erfolgt, nenne ich ‚reflexive Konditionierung’. (Diese Form
der Konditionierung ist auch unter dem Begriff der ‚klassischen’ oder auch
‚Pawlowschen’ Konditionierung bekannt). Die Wahrnehmung der Welt nach dem
Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit ist das Wesen der Spaltung in der
Beziehung. Die Tatsache der Spaltung zeigt sich im Reiz. In dem Moment aber, von
wo an, die Reaktion auf den Reiz automatisiert ist, oder wird, wird die Tatsache
der Spaltung übersehen, da die geistige Bewegung sich dann nur noch mit der Abstimmung
der automatisierten Reaktion, der Bewertung, und dem damit in Beziehung
stehenden Empfindungszustand befasst. Dieser Abstimmungsvorgang bedingt die
Stimmung des Betrachters. Er nimmt daher nur noch die Empfindungen war, die er
aus diesem Abstimmungsvorgang heraus hat. Was er nun nicht mehr wahr nimmt, ist
die primäre Spaltung, aus der heraus dieser Abstimmungsvorgang erst in Gang
gesetzt wurde.
(projektive
Konditionierung)
Wir
haben daher folgendes: Zuerst haben wir Spaltung in der Beziehung. Der Fluss
wird nicht mehr als Fluss gesehen, sondern aus dem Vorstellungszusammenhang der
Vergangenheit betrachtet. Aus diesem Vorstellungszusammenhang werden die Dinge
zu Dingen, die auffällig werden, Vorhandensein oder Nicht Vorhandensein von
Holz. Auffälligkeit ist Hauptmoment des Reizes und sie zeigt die Spaltung in
der Beziehung an. In dem Moment, in dem man etwas tut, z.B. einen Spaziergang
macht, und auf einmal Dinge auffällig werden, die einem
Vorstellungszusammenhang angehören, aus dem heraus man reagiert, entsteht
eine Störung im Empfindungszustand dessen, was man tut, z.B. dem Spaziergang.
Die Störung zeigt sich in der Frage nach dem ‚Wie Finden’. Sie äußert
sich einerseits in der Bewertung und zum anderen in dem damit zusammenhängenden
Gefühl, dem Befinden.
Solange
sich am Fluss immer wieder Holz vorfindet erscheint das ganze nicht sonderlich
problematisch. Es wird dann immer wieder wohlwollend registriert werden, denn
die Zukunft verheißt ‚Warmhaben’. Ist aber kein Holz da, dann ist der
Spaziergang zu Ende. Jetzt ist die Zukunft ‚Frieren’.
Und die geistige Bewegung läuft in Richtung Sicherung des Feuerholzes für
den kühlen Abend.
Was
bedeutet das? Wir haben gesehen, indem sich der Vorstellungszusammenhang der
Vergangenheit unwillkürlich in der Wahrnehmung der Welt aufdrängt, entsteht
Spaltung in der Beziehung. Man macht einen Spaziergang. Aber gleichzeitig
betrachtet man die begegnenden Dinge danach, wie sie aus dem
Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit auffällig werden.
Die Dinge werden damit eingeschätzt, interpretiert. Was auffällig wird, enthält eine Erwartung. Das Vorhandensein
von Holz enthält die Erwartung von ‚Warmhaben’. Das Nichtvorhandensein von
Holz enthält die Erwartung von ‚Frieren’.
Die Erwartung hat aber mit dem unmittelbaren Tun, dem ‚Spaziergang’
nichts zu tun. Sie steht damit in keinerlei Beziehung. Womit sie in
Beziehung steht, ist das Danach des Spaziergangs, die Zukunft. Die Erwartung stört
den Empfindungszustand. Der Betrachter erfährt diese Störungen in seinem Gefühl.
Die Störung ist seine Stimmung. Und die Stimmung ist der psychische Zustand,
der sich aus dem Abstimmungsvorgang bezüglich Bewertung und Empfindungszustand
ergibt, das Befinden. Dieses
Abstimmen ist Aktivität.
Findet
sich Feuerholz am Fluss, dann ist die Aktivität mit dieser Feststellung
beendet. Der Spaziergang kann weitergehen. Findet sich kein Feuerholz am
Fluss, dann ist der Spaziergang vorerst beendet und die Aktivität müht sich
um die Sicherung des Feuerholzes. Und das ist das ‚Erkunden’ weiterer
Fundorte. In diesem Erkunden
erwirbt der Betrachter Wissen. Hat er Wissen um weitere Fundorte, dann kann sein
Spaziergang wieder weitergehen.
Wir
sehen, Wissen erhält seine Bedeutung innerhalb eines Vorstellungszusammenhangs
in dem Gegenstände und Aktivitäten in Beziehung zum Empfindungszustand stehen.
Der Antrieb zur Erlangung von Wissen ist die Störung, die sich aus dem Auffälligwerden
der Dinge im Reiz ergibt. Das Wissen selbst erschließt die Gesamtheit aller
Dinge, die im Vorstellungszusammenhang Sicherheit versprechen und damit auffällig
werden können. Das Streben nach
Wissen ist Reaktion auf die Störung im Empfindungszustand, was Stimmung ist.
Das ‚Wissen um’ hat im Vorgang der Abstimmung Wirkung auf die Stimmung, das
Befinden.
Was
haben wir damit zusammengetragen: Da ist zunächst Spaltung in der Beziehung.
Die Spaltung führt zur Störung im Empfindungszustand. Die Störung äußert
sich im Befinden und ist verbunden mit der Frage des ‚Wie Findens’. Das
Befinden steht nicht in Beziehung zum Tatsächlichen, sondern zur Erwartung,
der Zukunft. Das Reagieren auf das Befinden ist Aktivität. Die Aktivität ist
Abstimmung von Bewertung und Empfindungszustand.
Die Aktivität kommt zu einem sicheren Ende, wenn der Betrachter zu etwas
kommen kann, das seine Bewertung bezüglich seines zukünftigen
Empfindungszustandes sicher macht. Dazu kommt er im Wissen. Das Wissen ist daher
der Hebel, den der Betrachter bedient, um auf sein Befinden, seine Stimmung,
die durch die Störung bedingt ist, einzuwirken, derart, dass sein zukünftiger
Empfindungszustand gesichert erscheint.
Die
Wirkung dieses Hebels erfährt er als ‚Ich-Gefühl’. Die Sicherung des
Empfindungszustands erscheint als Verdienst des ‚Selbst’. Die
Automatisierung, sich dieses Hebels zu bedienen, um auf die durch die Spaltung
der Beziehung bedingte Stimmung einzuwirken, nenne ich die projektive
Konditionierung (auch instrumentelle Konditionierung genannt). Die
automatisierte Suche und Bedienung von Hebeln, um auf seinen
Empfindungszustand einzuwirken, zeigt sich im Verlangen. Der zu erwirkende
Empfindungszustand ist Wunsch.
Die
Dinge, denen der Betrachter nun begegnet werden nach dem
Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit interpretiert in Hinsicht auf den zu
erwartenden Empfindungszustand. Die Spaltung in der Beziehung erhält ihre
eigentümliche Form. Die Beziehung, die ursprünglichen Abhängigkeit ist, aus
der generell Unsicherheit erwächst, wird darin zur Bindung, Gebundenheit. Im
Auffälligwerden der Dinge haftet der Betrachter dem an, was nach seinem
Wissen, seiner Erfahrung, in Beziehung zu seinem Empfindungszustand steht. In
dieser Anhaftung erscheint ihm sein zukünftiger Empfindungszustand als sicher
beschlossen.
Wir
sehen: Verlangen ist Bewegung innerhalb der projektiven Konditionierung.
Verlangen ist die automatisierte Suche und Bedienung von Hebeln, um auf den
Empfindungszustand einzuwirken. Das
Terrain, in dem sich diese Hebel befinden, ist das Wissen.
Dieses ist gespeichert im Gedächtnis. Die Beziehung in der
projektiven Konditionierung ist Gebundenheit (Bindung), was dasselbe ist wie
Anhaftung. Die Form nun, in der die Abstimmung des Wissens mit dem gewünschten
Empfindungszustand erfolgt, ist das ‚rationale Denken’.
Die
Art und Weise aber nun, in dem sich die projektive Konditionierung im rationalen
Denken artikuliert ist das Denken in Ursache und Wirkungszusammenhängen.
Indem der Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit, der sich aus einem
formalen Grundgerüst aus Gegenstand Aktivität Empfindungszustand
zusammensetzt, zu einem Netz von durch Wissen
abgesicherter Ursache und Wirkungszusammenhängen verdichtet wird, entsteht
unwillkürlich ein mechanisches Gesamtbild der Welt. Und das ist der
Hintergrund, von dem aus das rationale Denken operiert. In ihm findet
Verwechslung zwischen der Welt und seinem Bild der Welt statt.
Das Bild der Welt ist darin mit der Welt identifiziert. Die Wirklichkeit
ist ihm Realität. Seine Beschäftigung ist Kontrolle und Steuerung. Dabei ist
die Kontrolle zunächst ‚rückwärts’ gerichtete Reflexion auf die Sicherung
der in das mechanische Weltbild ‚passenden’ Realitätsmomente. Zum andern
ist sie Ausgleich der Realitätsmomente im ‚vorwärts’-blickenden Erwirken
gewünschter Empfindungszustände. Es ist vorgreifendes Eingreifen.
Eine
weitere Tatsache ist, dass wir ein Gedächtnis besitzen. Um uns die Dinge, von
denen wir abhängig sind, zu sichern, brauchen wir das Gedächtnis. Wir sehen
damit eine weitere Abhängigkeit. Zur Sicherung der Existenz besteht Abhängigkeit
vom Gedächtnis. Die existenzielle Abhängigkeit setzt sich damit aus einer
physischen und psychischen Abhängigkeit zusammen. Die psychische Abhängigkeit
zeigt sich darin, dass sich in der Wahrnehmung der Welt unwillkürlich der
Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit aufdrängt, reflexartig als
Erinnerung, Bild, Verstandesbestimmung, Gedanke. Und es ist von unendlicher
Wichtigkeit, zu untersuchen, welche Wirkung dies auf die Beziehung zur Welt
hat.
In
dem Moment nun, in dem das, was begegnet, nach dem Vorstellungszusammenhang der
Vergangenheit betrachtet wird, entsteht Spaltung in der Beziehung zur Welt. Die
Welt wird nach Auffälligkeiten sondiert, selektiert, die zu erwartenden
Empfindungszuständen in der Zukunft in Beziehung stehen. In diesem
Vorstellungszusammenhang stehen die Empfindungszustände ebenso in Beziehung zu
Aktivitäten. Und es ist das Wissen, das die Beziehung darüber herstellt,
welche Aktivitäten bei welchen Auffälligkeiten zu welchen Empfindungszuständen
führen.
Spaltung
in der Beziehung bedeutet nun weiterhin, dass sich der Betrachter nicht mehr in
der existenziellen Abhängigkeit von der Ganzheit der Welt sieht, sondern nur
noch zu den Momenten der Welt, die sich ihm aus seinem Vorstellungszusammenhang
der Vergangenheit unwillkürlich aufdrängen, auffällig werden. Es entsteht
Bindung, Anhaftung. In der Auffälligkeit interpretiert er diese Momente als
Realität. Indem er sich nicht mehr von der Ganzheit der Welt abhängig sieht,
findet Konzentration auf das Auffällige statt und die in Beziehung zum Auffälligen
stehende Aktivität ist Verlangen. Wir haben daher die Doppelbeziehung von
Interpretation und Verlangen, die sich unwillkürlich als Ergebnis der
reflexiven und projektiven Konditionierung, der Automatisierung von
Interpretieren und Verlangen, einstellt. In der Interpretation und dem Verlangen
steht der Betrachter zum Auffälligen in einer Beziehung, die ihm das Gefühl
der Sicherheit vermittelt. Wir sehen damit eine Wendung. Die Beziehung, die in
der existenziellen Abhängigkeit wesentlich durch Unsicherheit bestimmt ist, hat
sich nun in das Gefühl der Sicherheit umgekehrt. Indem nun aus dem
Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit den Dingen, die auf einen zukommen begegnet
werden kann, entsteht Sicherheit in Bezug darauf, was von ihnen erwartet werden
kann. Der Betrachter kann sich darauf einstellen, er hat eine Vorhersage, und
nimmt demgemäß einen sicheren Standpunkt ein, weil er mit seinen Erfahrungen
meint, einen sicheren Haltepunkt zu haben.
Und
nun fragen wir wieder: Was ist Angst? Ist Angst unmittelbare Folge der grundsätzlichen
Unsicherheit, die aus der existenziellen Abhängigkeit herrührt? Müssen wir
uns daher angesichts der Tatsache, dass uns die Dinge, von der wir abhängig
sind, unsicher sind, stets ängstigen? Ist die Angst also etwas, was wir durch
unsere Existenz schon haben? Ist sie ein a-priori unserer Existenz? Ist Angst
die Art und Weise, wie Unsicherheit erfahren wird? Und müssen wir daher mit der
Angst immer leben, und das heißt, Wege finden, mit ihr umzugehen? Steht die
Angst also in Beziehung zu unserer existenziellen Abhängigkeit? Oder steht sie
in Beziehung zu unserem Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit? Ist sie
eventuell Ergebnis der Aktivitäten, die sich aus diesem
Vorstellungszusammenhang in der Wahrnehmung der Welt dem Betrachter unmittelbar
aufdrängen? Steht die Angst in Beziehung zu unserer Konditionierung? Steht
sie in Beziehung zu unseren automatisierten Reaktionen? Steht sie in Beziehung
zum konditionierten Suchen nach Haltepunkten, um einen sicheren Standpunkt
einnehmen zu können? Oder steht sie in Beziehung zur Anhaftung?
Fragen
wir zuerst: In welcher Beziehung steht man in der Angst? Wir kennen die Angst,
die mit der Furcht vor etwas entsteht. So kennen wir die Angst, die mit der
Furcht vor etwas gepaart ist. Es
gibt die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, die Angst vor Folgen der
Technik, die Angst vor Krankheit, vor Krieg, die Angst vor dem Versagen, die
Angst vor dem Fallen, die Angst vor der Zukunft, die Angst vor einem Unglück,
die Angst sich zu verletzen, die Angst vor Verlieren, die Angst vor dem Tod
etc. Man kann die Angst unterscheiden in psychische, soziale, ökonomische,
existenzielle Ängste. In all diesen Fällen kennt man die Angst aus der Furcht
vor etwas.
Das
Etwas, wovor man sich fürchtet ist immer etwas, was erwartet wird, was nicht
unmittelbar ist. Das ‚vor’ ist jedoch kein räumliches vor. Es ist zeitlich.
Man läuft auf dem Eis. Man ist ängstlich, denn man fürchtet sich davor
auszurutschen, aber man rutscht noch nicht aus. Man hat einen Arbeitsplatz und
hat Angst, weil man sich davor fürchtet, ihn zu verlieren. Aber man hat ihn
noch nicht verloren. Es droht das Ausrutschen. Es droht der Verlust des
Arbeitsplatzes. Es droht, dass man versagt oder sein Gesicht verliert. Das
Drohende ist nicht wirklich. Das Drohende ist eine Erwartung. Es macht aus dem
Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit auf sich aufmerksam.
In
der Furcht steht man nicht in Beziehung zu dem, was wirklich ist. Auffälliges
ist aus dem Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit heraus zu einem künftig
Bedrohlichen geworden. Die Erwartung der Bedrohlichkeit wird in der Furcht
erfahren. Und Furcht ist damit abhängig von der psychischen Aktivität, die
ganz darin aufgegangen ist, zum einen das Begegnende nach dem
Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit zu bestimmen und zum anderen die
Empfindungszustände nach den Erfahrungen der Vergangenheit zu steuern. Im
Rahmen der verstandesmäßigen Bestimmung und der gefühlsgeleiteten Steuerung,
die sich wesentlich in der Wechselbeziehung von Interpretation und Verlangen
abspielt, wird das Begegnende nach Auffälligkeiten selektiert, die vor dem
Hintergrund der Vergangenheit als Erwartung der Bedrohung oder des Glücks
erscheinen. Die Erwartung von Bedrohung ist Furcht.
Die Erwartung von Glück ist Lust. Lust und Furcht besitzen die gleiche
Wurzel.
Aber
was ist nun Angst? Ist Angst mit Furcht identisch?
Ist Angst von der Furcht abhängig? Oder gibt es Angst auch ohne ein
bestimmtes Bedrohliches?
Da
ist zunächst Spaltung in der Beziehung, die sich aufgrund der automatisierten
Wahrnehmung aus dem Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit ergibt. Die
Spaltung äußert sich im Reiz des Auffälligen. Der Vorstellungszusammenhang
der Vergangenheit enthält eine Erwartung in Bezug auf das Auffälliggewordene. Die aus dem Vorstellungszusammenhang heraus operierende
Reaktion verspricht Sicherheit. Die Sicherheit spricht sich in der Bewertung der
Situation aus. Die daraus resultierende geistige Bewegung ist Abstimmung von
Bewertung und zu erwartendem Empfindungszustand. Aus der Abstimmung resultiert
die Stimmung. Diese wird im Gefühl
wahrgenommen. Im Gefühl wird die Stimmung als körperliches Befinden
erfahren. Die Abstimmung kommt zu einem sicheren Ende, wenn der Betrachter zu
etwas kommen kann, das seine Bewertung bezüglich seines zu erwartenden
Empfindungszustandes sicher macht. Aber im Abstimmungsprozess kann der
Betrachter nur zu einem solchen kommen, wenn er schon darum weiß, wenn er ein
Wissen hat um einen Hebel, durch den sein zukünftiger Empfindungszustand
gesichert erscheint. Der
Abstimmungsprozess ist daher ebenfalls Suche nach einem solchen Hebel, nach
etwas das in Bezug auf den Empfindungszustand Halt gibt.
Die
Furcht nun bezieht sich auf die Erwartung. Das ist das Zukünftige. Sie spricht
eine Seite der Angst aus, nämlich das wovor. Aber sie sagt damit nichts über
die Angst selber aus. Sie resultiert stets aus einer Erwartung und gründet
auf einer schmerzlichen Erfahrung der Vergangenheit. In der Furcht wird stets
nur das Empfinden ausgesprochen, das sich in Bezug auf eine schmerzliche
Erwartung aufgrund schmerzlicher Erfahrungen ergibt. In der Furcht bleibt der
psychische Hintergrund verborgen, durch den sie bedingt ist. Furcht ist immer
Furcht vor etwas. Sie ergibt sich aus der reflexiven Konditionierung, aus der
Bewertung des Begegnenden nach dem Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit.
Aber die Angst bezieht sich auf die konkrete, gegenwärtige Aktivität bezüglich
der Erwartung. Sie ist der beständige Zustand, der sich aus der Blockierung der
psychischen Bewegung ergibt, die sich automatisch einstellt, dass man sich
schon im Automatismus befindet, auf das zu Erwartende im Rahmen seiner
projektiven Konditionierung zu reagieren, also einen im Gedächtnis
vorgezeichneten, Sicherheit und Erfolg versprechenden Weg zu suchen, aber so
etwas letztlich nicht mit Sicherheit vorfinden kann, weil es so etwas nicht
gibt. Angst ist die Blockierung, die sich daraus ergibt, dass das Verlangen
letztlich keinen Halt findet, und finden kann. In der Angst hat man das Sehen,
dass einerseits die Reaktion des Verstandes stets beschränkt ist und dem
Begegnenden nicht angemessen, andererseits lässt die Konditionierung nichts
anderes zu, als gerade im Rahmen der verstandesmäßigen Konditionierung, die
sich als ‚Ich’ ausspricht zu reagieren. Die Angst ist damit die Blockierung,
Empfindungszustand, der sich aus der projektiven instrumentellen Konditionierung
ergibt. Aber sie weist auch auf die Grenze dieser Konditionierung, auf die
Beschränktheit der Psyche durch Konditionierung. In der Angst wird die Beschränktheit
der psychischen Tätigkeit als konditionierte, also bedingte Tätigkeit, nicht
gesehen und nicht der Wirkungsmechanismus, der die Angst hervorgerufen hat. Es
ist das Suchen nach Antworten, obwohl sich zeigt, dass das auf diese Weise
erfolgende Suchen keine Antwort liefern kann.
Furcht
und Angst entstehen aus der Doppelbeziehung von Interpretation von Verlangen,
das sind automatisierte psychische Vorgänge als Wesen der reflexiven und
projektiven Konditionierung. Die Beziehung, die in der existenziellen Abhängigkeit
wesentlich durch Unsicherheit gekennzeichnet ist, aber durch die
Konditionierung in das Gefühl von Sicherheit gekehrt wird, erkauft sich dieses
Gefühl der Sicherheit durch ein Leben, das immer unterschwellig von Furcht und
Angst begleitet ist. Indem aus dem Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit
den Dingen, die auf einen zukommen, erfolgversprechend begegnet werden kann,
also aus dieser Bewusstseinsform schon das Gefühl von Sicherheit vorgezeichnet
ist, besteht stets die Gefahr, dass sich der vermeintliche Haltepunkt als
solcher nicht bewährt oder nicht finden lässt.
Solange
man einen Arbeitsplatz hat, ist einem der Lebensunterhalt gesichert. Man hat
damit die Möglichkeit, andauernd Geld zu verdienen. Arbeitsplatz,
Lebensunterhalt, Geld stehen dabei in einem Vorstellungszusammenhang. Geld und
Arbeitsplatz nehmen dabei eine Funktion in Beziehung zum Lebensunterhalt ein.
Die Erfüllung dieser Funktion verspricht Sicherheit. Durch Geld aufgrund des
Arbeitsplatzes erscheint der Lebensunterhalt gesichert. Aus diesem
Funktionszusammenhang heraus muss es daher zu einer Bedrohung werden, wenn
sowohl das Geld als auch der Arbeitsplatz auf irgendeine Weise verlustig werden
könnte. Tatsache ist, nichts ist wirklich sicher. Aber aufgrund der reflexiven
und instrumentellen Konditionierung ist man ständig in erfolgversprechende
Aktivitäten verwickelt, aufgrund derer die Haltepunkte im Funktionszusammenhang
der Dinge gesichert werden sollen. Man macht seine Arbeit so, dass man im
sicheren Gefühl ist, dass man sie behält oder sich womöglich beruflich noch
verbessern kann. Dies Gefühl von Sicherheit, das man bei diesen Aktivitäten
hat, ist jedoch eine Illusion. Die Verwicklung in diese Aktivitäten zeigt
sich im beständigen Suchen nach Auffälligkeiten, durch die das Gefühl von
Sicherheit sich immer wieder festmachen kann. Man achtet auf den Geldwert,
achtet auf die Auftragslage, achtet auf die Gesten der Mitarbeiter. So werden
die Entwicklung des Geldwerts, der Auftragslage, der Gesten der Mitarbeiter zu
einem Reizquell ständiger Versicherungsbemühungen, welche Kontrolle sind.
Doch in diesen Versicherungsbemühungen ist immer schon das Auffällige als
Bedrohung ausgemacht. Furcht und Angst sind stets unterschwellig
vorgezeichnet. Aktuell werden sie
dann, wenn sich das Auffällige in eine Richtung entwickelt, hinsichtlich der
sich kein Halte punkt für erfolgversprechende Einflussmöglichkeiten einstellt.
Grundsätzlich
sind wir von all den Dingen abhängig. Gesundheit, Arbeitsplatz, Wetter, der
Sonne, der Luft, der Gesellschaft, dem Geldwert, der Nahrung, dem Nachbarn, dem
Stuhl, auf dem man sitzt etc.. All diese Dinge sind unsicher. Um existieren zu können,
müssen uns all die Dinge, die Welt, sicher sein. Das ist unsere Situation. Aber
die Tatsache der Unsicherheit ist weder bedrohlich noch beängstigend. Furcht
und Angst stehen nicht mit Tatsachen in Beziehung. Aus der Beziehung zur
Tatsache ergeben sich Furcht und Angst nicht. Es ist das ganze Elend von Philosophie
und Psychologie, dass sie Furcht und Angst aus der existenziellen Abhängigkeit
und der damit verbunden Unsicherheit zu erklären versuchten und damit nicht
verstehen können, dass diese erst aus der Rückwirkung der Aktivitäten, die
zur Sicherung unternommen werden, entstehen. Die Aktivitäten zur Sicherung
sind vom Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit geleitet. Und das ist
Denken. Das Denken operiert auf der Basis von Wissen.
Und in diesem Operieren, das wesentlich Interpretieren und Verlangen
(Definieren und Schlussfolgern) ist, hat der Betrachter einen sicheren
Haltepunkt. Das Denken und die damit verbundenen Gefühle verspricht Sicherheit.
Es ist Aufgehen der Psyche im Endlichen. Dieses Versprechen löst es ein, in dem
es auf Auffälligkeiten aus dem Vorstellungszusammenhang der Vergangenheit
achtet. In diesem Vorstellungszusammenhang stehen die Dinge in einem
Funktionszusammenhang, deren Erfüllung Sicherheit versprechen. Das Achten auf
diese Auffälligkeiten ist damit beständige Versicherungsbemühung, Kontrolle.
In der Kontrolle ist das Auffällige schon als Bedrohung vorbestimmt.
Die beständige Versicherungsbemühung, das beständige Achten auf Auffälligkeiten,
ist ständige Quelle von Furcht. Denn innerhalb des Funktionszusammenhangs ist
das Auffällige immer entweder Versicherung oder Bedrohung. Seine Beziehung
zum Auffälligen erfährt der Betrachter als Stimmung. Sie resultiert aus der
Abstimmung der Bewertung des Auffälligen mit dem zu erwartenden
Empfindungszustand. Der Abstimmungsprozess sucht nach einem Haltepunkt, durch
den er zu einem Sicherheit versprechenden Ende, einem Urteil, gelangen kann.
Die Sicherheit, die dieser Abstimmungsprozess verspricht, spricht sich im
‚Ich-Gefühl’ aus. Die
Versicherung im Urteil beruhigt. Das Nicht gelangen an einen Haltepunkt
beunruhigt und damit droht das Nicht erlangen der Sicherheit im ‚Ich Gefühl’.
Die Tatsache, dass sich im Abstimmungsprozess die Endlichkeit, Beschränktheit,
dieser ganzen psychischen Aktivitäten im ‚Ich-Gefühl’ zeigt, ist beständige
Quelle der Angst.
Angst
resultiert aus der psychischen Abhängigkeit, in welche die konditionierte
Psyche geraten ist. In der konditionierten verstandesmäßigen Tätigkeit hat
man beständiges Suchen und Festhalten an Haltepunkten. In der Angst hat man
aber auch das Sehen der Endlichkeit dieser Haltepunkte. Und die Endlichkeit
dieser Haltepunkte ist eine Tatsache, da sie nichts weiter als die
Schlussfolgerung
aus der verallgemeinerten Erfahrung sind. Sie
sind immer nur Haltepunkte, rückwärts gerichtet, in der Interpretation der
Vergangenheit. Die eigentliche Quelle der Angst ist das Festhalten am Endlichen
überhaupt.
Verfasst im Jahre 1996, überarbeitet und zur Veröffentlichung freigegeben im Mai 2001
Walter Kusenberg
Vörstetten, den 18. Mai 2001
Falls Sie zufällig auf diese Seite geraten sind, dann sind Sie herzlich willkommen auf der philosophischen Seite von Walter Kusenberg.